Antiphospholipidsyndrom (APS)
Systemische Autoimmunerkrankung mit thrombotischen, mikrovaskulären, obstetrischen und nichtthrombotischen Manifestationen bei persistierenden Antiphospholipid-Antikörpern;
Grundlagen: EULAR 2019 · ACR/EULAR-APS-Klassifikationskriterien 2023
Ergänzend: EULAR Schwangers 2017 · EULAR CVR 2022 · DGRh SLE 2025 · McMaster CAPS 2018 · SHARE APS 2017 · DGA VTE 2023 · DGRh Wechselwirkung 2023 · DGRh Antimalaria 2020 · DOG Augen 2025
Kurzfassung
Diagnostik: Venöse/arterielle Thrombosen, Schwangerschaftsmorbidität; Lupus-Antikoagulans, aCL, Anti-β2GPI; Persistenz ≥12 Wochen
Therapiebeginn: Hochrisiko-aPL ohne Ereignis → niedrig dosiertes ASS (Off-Label); erste venöse Thrombose → VKA, INR 2–3; arterielle Thrombose → VKA, INR 2–3 oder 3–4, alternativ INR 2–3 + ASS
Therapiebeginn: obstetrisches APS → ASS + prophylaktisches Heparin (Off-Label) nach Konstellation; thrombotisches APS in Schwangerschaft → ASS + therapeutisches Heparin
Unzureichende Wirksamkeit: Rezidiv trotz therapeutischem INR → Adhärenz/INR-Qualität prüfen; ASS ergänzen, INR-Ziel auf 3–4 erhöhen oder auf LMWH wechseln
Deeskalation: unprovozierte venöse Thrombose → langfristige Antikoagulation; provoziert → mindestens 3 Monate, bei hohem aPL-/Rezidivrisiko länger; postpartale Prophylaxe 6 Wochen erwägen
Diagnostik und Klassifikation
Kurzfassung
- Thrombosen: venös oder arteriell; z. B. TVT/Lungenembolie oder Schlaganfall
- Schwangerschaft: wiederholte Fehlgeburten, fetaler Verlust, schwere Präeklampsie/Plazentainsuffizienz
- Weitere Befunde: Livedo racemosa, Thrombozytopenie, Herzklappenveränderungen, mikrovaskuläre Organmanifestationen
- aPL: Lupus-Antikoagulans, aCL IgG/IgM, Anti-β2GPI IgG/IgM; persistierende Positivität im Abstand ≥12 Wochen
Klinische Verdachtskonstellationen
- Venöse Thromboembolie
- Arterielle Thrombose, insbesondere objektivierter Schlaganfall; isolierte TIA ohne objektivierten thromboembolischen Befund erfüllt das arterielle Klassifikationsitem nicht
- Mikrovaskuläre Manifestationen: livedo racemosa, livedoide Vaskulopathie, aPL-Nephropathie, pulmonale Hämorrhagie, Myokard-/Nebennierenbeteiligung
- Obstetrische Morbidität
- Herzklappenverdickung oder Vegetationen
- Thrombozytopenie
- SLE oder andere systemische Autoimmunerkrankung als Risikokonstellation
Labor
- Lupus-Antikoagulans nach ISTH-Vorgaben: Dreistufenverfahren (Screening – Mischversuch – Bestätigung) mit zwei Screeningsystemen, dRVVT und phospholipidarme, silicaaktivierte aPTT; positiv, wenn mindestens ein System alle drei Stufen erfüllt
- Anti-Cardiolipin IgG/IgM
- Anti-β2-Glykoprotein-I IgG/IgM
- Persistente Positivität: ≥2 Bestimmungen im Abstand von mindestens 12 Wochen
- Unter VKA, Heparin oder DOAK: LA-Interpretation störanfällig; bevorzugt Ergebnisse ohne Antikoagulation, sonst ausschließlich fachhämostaseologisch bestätigte Interpretation
- Falsch positive/negative LA-Ergebnisse auch bei Akutphase, akuter Thrombose und in der Schwangerschaft
- Plattformbindung der Klassifikation: 40–79 bzw. ≥80 Einheiten beziehen sich auf standardisierte ELISA. Automatisierte CLIA-/MFI-/Flow-Verfahren haben eigene Wertebereiche; keine direkte Umrechnung. Die beispielhaften Plattformvergleiche der Originalarbeit sind keine anwendbare Umrechnungsformel. Klinische Labordiagnostik und Forschungsklassifikation getrennt beurteilen
- Ergebnisse verschiedener Plattformen nicht mischen
Hochrisiko-aPL-Profil
Hochrisiko: Niedrigrisiko
Lupus-Antikoagulans: isoliertes aCL oder Anti-β2GPI
Doppelpositivität: niedriger bis mittlerer Titer
Tripelpositivität: besonders bei nur transientem Nachweis
persistierend hohe aPL-Titer: —
- Gesamtrisiko zusätzlich abhängig von früherem thrombotischem/obstetrischem APS, SLE und traditionellen kardiovaskulären/VTE-Risikofaktoren
- Hochrisikoprofil nach EULAR 2019: LA bzw. Doppel-/Tripelpositivität in mindestens zwei Bestimmungen mit ≥12 Wochen Abstand oder persistierend hohe Titer; ein einmaliger Befund genügt hierfür nicht
- Risikoprofil 2019 und Forschungsklassifikation 2023 verwenden unterschiedliche Titergrenzen
Geltungsbereich
- Forschungskriterien; Diagnose klinisch
- Entwicklung und Validierung an erwachsenen Kohorten; Übertragbarkeit auf pädiatrisches APS nicht geprüft, dort SHARE APS 2017 heranziehen
- Validierung: Spezifität 99 % in beiden Kohorten; Sensitivität 83 % im ersten und 84 % im zweiten Validierungskollektiv
Eintrittskriterium
- mindestens 1 dokumentiertes klinisches Kriterium aus Domäne 1–6
- plus positiver aPL-Test innerhalb von ±3 Jahren zum klinischen Kriterium
- positiver Test: LA oder moderater/hoher aCL-/Anti-β2GPI-Titer IgG/IgM
- Eintrittskriterium nicht erfüllt: keine Klassifikation versuchen
Auswertungsregeln
- mindestens 3 Punkte aus klinischen Domänen UND 3 Punkte aus Labordomänen
- pro Domäne nur das höchstgewichtete Kriterium
- klinisches Kriterium nicht zählen bei gleich wahrscheinlicher oder wahrscheinlicherer Alternativerklärung
- Ausnahme hiervon: die für Domäne 1 und 2 erforderlichen VTE-/CVD-Risikofaktoren sind kein Ausschlussgrund
- Unbekannte Risikofaktoren: ist das Risikoprofil zum Zeitpunkt eines zurückliegenden Ereignisses nicht dokumentiert, das niedrigste nicht-null Gewicht vergeben
- Mikrovaskulär „etabliert“: Bei livedoider Vaskulopathie, aPL-Nephropathie und pulmonaler Hämorrhagie muss die jeweils zugehörige Verdachtsdefinition erfüllt sein. Myokard- und Nebennierenkriterien besitzen eigene Bildgebungs-/Histologiedefinitionen; keine vorgeschaltete Verdachtsdomäne erforderlich
- Persistenz im Labor: zwei aufeinanderfolgende positive LA-, höchste aCL- bzw. höchste Anti-β2GPI-Ergebnisse; eine moderate plus eine hohe konsekutive Bestimmung zählt als „moderat", solange keine zwei konsekutiv hohen Ergebnisse vorliegen
- Prospektiv: beide positiven aPL-Ergebnisse innerhalb der 3 Jahre zum klinischen Kriterium; der jüngste aPL-Test soll ebenfalls positiv sein. Retrospektiv: zwei konsekutiv positive Ergebnisse und mindestens ein positives Ergebnis innerhalb der 3 Jahre
Klinische Domänen
Venöse Makrothrombose:
- VTE mit Hochrisiko-VTE-Profil: 1
- VTE ohne Hochrisiko-VTE-Profil: 3
Arterielle Makrothrombose:
- arterielle Thrombose mit Hochrisiko-CVD-Profil: 2
- arterielle Thrombose ohne Hochrisiko-CVD-Profil: 4
Mikrovaskulär:
- klinisch vermutet: 2
- etabliert: 5
Obstetrisch:
- ≥3 konsekutive Verluste <10 Wochen und/oder frühe fetale Verluste 10+0 bis 15+6 Wochen: 1
- fetaler Tod 16+0 bis 33+6 Wochen ohne schwere Präeklampsie und ohne schwere Plazentainsuffizienz: 1
- schwere Präeklampsie ODER schwere Plazentainsuffizienz <34+0 Wochen, mit/ohne fetalen Tod: 3
- schwere Präeklampsie UND schwere Plazentainsuffizienz <34+0 Wochen, mit/ohne fetalen Tod: 4
Herzklappen:
- Verdickung: 2
- Vegetation: 4
Hämatologisch: Thrombozyten-Nadir 20–130 × 10⁹/l: 2
- Mikrovaskulär, vermutet: livedo racemosa (nicht livedo reticularis), livedoide Vaskulopathie-Läsionen, akute/chronische aPL-Nephropathie, pulmonale Hämorrhagie
- aPL-Nephropathie, vermutet: anderweitig nicht erklärte, persistierende neu aufgetretene oder verschlechterte Hypertonie, Proteinurie ≥0,5 g/24 h bzw. Protein-Kreatinin-Ratio ≥0,5 mg/mg, akutes Nierenversagen oder glomeruläre Mikrohämaturie
- Mikrovaskulär, etabliert: histologisch bestätigte livedoide Vaskulopathie oder aPL-Nephropathie, pulmonale Hämorrhagie durch BAL/Histologie, Myokarderkrankung (NSTEMI bei normalem Koronarangiogramm plus definierter CMR-Auffälligkeit oder histologische Kleingefäßthrombose), Nebennierenhämorrhagie/-mikrothrombose durch Bildgebung/Histologie
- Klappenverdickung: Mitralklappe >4 mm bei 20–39 Jahren, >5 mm bei Alter >40 Jahren im Wortlaut der Kriterienpublikation; übrige Klappen >3 mm in jedem Alter. Genau 40 Jahre: keine eindeutige Alterszuordnung in der Originaldefinition
- Thrombozytopenie: niedrigster jemals gemessener Wert, bestätigt im Ausstrich und durch Wiederholungsmessung
- Schwere Präeklampsie für die Klassifikation: nach 20 SSW systolisch ≥140 oder diastolisch ≥90 mmHg in zwei Messungen ≥4 h auseinander plus neue Proteinurie (Protein-Kreatinin-Ratio ≥0,3 mg/mg; ersatzweise Teststreifen ≥2+, wenn quantitative Messung fehlt) plus ≥1 schweres Merkmal
- Schwere Merkmale: systolisch ≥160 oder diastolisch ≥110 mmHg in zwei Messungen ≥4 h auseinander in Bettruhe; neue therapieresistente, anderweitig nicht erklärte Kopfschmerzen; Sehstörung; Lungenödem; Transaminasen >2×ULN oder schwere persistierende, therapieresistente und anderweitig nicht erklärte Oberbauch-/epigastrische Schmerzen; Kreatinin >1,1 mg/dl oder Verdopplung ohne andere Nierenerkrankung; Thrombozyten <100 × 10⁹/l
- Bei bestätigter schwerer Hypertonie und begonnener Therapie kann die 4-h-Frist entfallen; notwendige Akutbehandlung nicht verzögern. Bei chronischer Hypertonie die Originaldefinition der aufgepfropften Präeklampsie beachten. Dies ist die APS-Klassifikationsdefinition, keine eigenständige geburtshilfliche Diagnoseregel
- Schwere Plazentainsuffizienz für die Klassifikation: fetales/neonatales Gewicht <10. Perzentile und zusätzlich pathologische fetale Surveillance oder Doppler, Gewicht <3. Perzentile, Oligohydramnion oder maternale vaskuläre Malperfusion in der Plazentahistologie. Genetische/fetale Ursachen ausschließen; Histologie allein ist nicht APS-spezifisch
Risikoprofile für Domäne 1 und 2
Hochrisiko-VTE-Profil: ≥1 Major- oder ≥2 Minor-Faktoren, sofern Zeitbezug und Schwere zum Ereignis passen
Major, jeweils zum Ereigniszeitpunkt - Minor, ≥2 erforderlich
aktive Malignität ohne kurative Behandlung, unter laufender kurativer Therapie einschließlich Hormontherapie, oder Rezidiv/Progress trotz kurativer Therapie - aktive systemische Autoimmunerkrankung oder aktive chronisch-entzündliche Darmerkrankung
stationäre Aufnahme mit Bettlägerigkeit bei akuter Erkrankung ≥3 Tage innerhalb 3 Monaten vor dem Ereignis - akute/aktive schwere Infektion, z. B. Sepsis, Pneumonie, SARS-CoV-2
schweres Trauma mit Frakturen oder Rückenmarkverletzung innerhalb 1 Monats - zentralvenöser Katheter im selben Gefäßgebiet
Operation in Allgemein-/Spinal-/Epiduralanästhesie >30 Minuten innerhalb 3 Monaten - Hormonersatztherapie, östrogenhaltige orale Kontrazeptiva oder laufende IVF-Behandlung
— - Langstreckenreise ≥8 Stunden
— - Adipositas mit BMI ≥30 kg/m²
— - Schwangerschaft oder Wochenbett bis 6 Wochen nach Entbindung
— - verlängerte Immobilisation, nicht oben erfasst: z. B. Beinverletzung mit reduzierter Mobilität oder Bettlägerigkeit außerhalb des Krankenhauses ≥3 Tage
— - Operation in Allgemein-/Spinal-/Epiduralanästhesie <30 Minuten innerhalb 3 Monaten
Hochrisiko-CVD-Profil: ≥1 hoher oder ≥3 moderate Risikofaktoren, sofern Zeitbezug und Schwere zum Ereignis passen
Hoch: Moderat, ≥3 erforderlich
arterielle Hypertonie systolisch ≥180 oder diastolisch ≥110 mmHg
behandelte arterielle Hypertonie oder persistierend systolisch ≥140 bzw. diastolisch ≥90 mmHg
chronische Nierenerkrankung mit eGFR ≤60 ml/min über mehr als 3 Monate
aktuelles Rauchen
Diabetes mellitus mit Organschaden oder langer Dauer: Typ 1 ≥20 Jahre, Typ 2 ≥10 Jahre
Diabetes mellitus ohne Organschaden und kurzer Dauer: Typ 1 <20 Jahre, Typ 2 <10 Jahre
schwere Hyperlipidämie: Gesamtcholesterin ≥310 mg/dl (8 mmol/l) oder LDL-Cholesterin >190 mg/dl (4,9 mmol/l)
moderate Hyperlipidämie unter Behandlung oder Gesamtcholesterin über Norm und <310 mg/dl bzw. LDL über Norm und <190 mg/dl
—
Adipositas mit BMI ≥30 kg/m²
- Grenzfälle der Klassifikation: Operations-/Anästhesiedauer genau 30 Minuten oder isoliertes LDL genau 190 mg/dl ohne weitere Zuordnungsmerkmale: Zuordnung in der Originaldefinition unklar
- Organschaden bei Diabetes nach ESC/EASD 2019: Proteinurie, chronische Nierenerkrankung, linksventrikuläre Hypertrophie oder Retinopathie
Labordomänen
LabordomäneKriteriumPunkte
Lupus-Antikoagulans
einmal positiv
1
persistierend positiv
5
aCL / Anti-β2GPI, persistent
moderat oder hoch positiv, IgM allein
1
moderat positiv, IgG
4
hoch positiv, IgG – aCL oder Anti-β2GPI
5
hoch positiv, IgG – aCL und Anti-β2GPI
7
- moderat: 40–79 ELISA-Einheiten
- hoch: ≥80 ELISA-Einheiten
- „persistent": mindestens 2 aufeinanderfolgende positive Ergebnisse im Abstand von ≥12 Wochen
- IgG und IgM nicht additiv werten
- IgA-aPL und weitere Nicht-Kriterien-Antikörper nicht Bestandteil der Domäne
Therapie
Kurzfassung
Therapiebeginn: Hochrisiko-aPL ohne Ereignis → niedrig dosiertes ASS (Off-Label); erste venöse Thrombose → VKA, INR 2–3; arterielle Thrombose → VKA, INR 2–3 oder 3–4, alternativ INR 2–3 + ASS
Therapiebeginn: obstetrisches APS → ASS + prophylaktisches Heparin (Off-Label) nach Konstellation; thrombotisches APS in Schwangerschaft → ASS + therapeutisches Heparin
Unzureichende Wirksamkeit: Rezidiv trotz therapeutischem INR → Adhärenz/INR-Qualität prüfen; ASS ergänzen, INR-Ziel auf 3–4 erhöhen oder auf LMWH wechseln
Deeskalation: unprovozierte venöse Thrombose → langfristige Antikoagulation; provoziert → mindestens 3 Monate, bei hohem aPL-/Rezidivrisiko länger; postpartale Prophylaxe 6 Wochen erwägen
Allgemeine Risikoreduktion
- Rauchstopp
- Hypertonie, Dyslipidämie und Diabetes konsequent behandeln
- Regelmäßige körperliche Aktivität
- VTE-Risikofaktoren erfassen und modifizieren
- LMWH in Hochrisikosituationen: Operation, Hospitalisation, längere Immobilisation, Wochenbett
- Adhärenz-, INR- und perioperative Bridging-Beratung bei VKA
- EULAR CVR 2022: kardiovaskuläres Risikomanagement bei APS
Primärprävention
- Asymptomatische aPL-Träger:innen mit Hochrisikoprofil: LDA empfohlen
- SLE ohne frühere Thrombose oder Schwangerschaftskomplikation:
- Hochrisiko-aPL-Profil: LDA empfohlen
- Niedrigrisiko-aPL-Profil: LDA erwägbar
- Nichtschwangere Patient:innen mit ausschließlich obstetrischem APS in der Vorgeschichte: LDA nach Nutzen-Risiko-Abwägung
Acetylsalicylsäure (ASS) · Primärprophylaxe / Zusatz zur Antikoagulation · Primärprophylaxe (Off-Label)
Cave: MTX ≥15 mg/Woche: laut Acetylsalicylsäure-FI kontraindiziert
- Acetylsalicylsäure (ASS): 75–100 mg p.o. einmal täglich; isolierte aPL-Primärprävention / obstetrisches APS (Off-Label)
Erstes venöses thrombotisches APS
- Initial therapeutisches UFH/LMWH, überlappend VKA bis zum wirksamen INR
- VKA, Ziel-INR 2–3
- Unprovozierte erste VTE: langfristige Antikoagulation
- Provozierte erste VTE: mindestens 3 Monate; bei wiederholt hohem aPL-Risikoprofil oder weiteren Rezidivrisiken längere Antikoagulation erwägen
Phenprocoumon · Sekundärprophylaxe · Dauerantikoagulation
- Phenprocoumon: p.o. nach INR; venös Ziel 2–3; arteriell 2–3 oder 3–4 nach Risiko, alternativ 2–3 + ASS
- Akute Thrombose: initial überlappend Heparin bis stabile INR im Zielbereich
Enoxaparin · Akuttherapie / Schwangerschaftsprophylaxe
Cave: Immunvermittelte HIT (Typ II)
- Enoxaparin – prophylaktisch: 40 mg s.c. einmal täglich
- Enoxaparin – therapeutisch: 1 mg/kg s.c. alle 12 Stunden
- Schwere Niereninsuffizienz: CrCl 15–30 ml/min: prophylaktisch 20 mg/d bzw. therapeutisch 1 mg/kg/d; individuelle Festlegung bei CrCl genau 30 ml/min; <15 ml/min nicht empfohlen
- Isolierte obstetrische APS-/Abortprävention: (Off-Label)
UFH · Akutantikoagulation
Cave: Immunvermittelte HIT (Typ II)
- Unfraktioniertes Heparin: therapeutische i.v.-Infusion nach hämostaseologischem Akutprotokoll; Titration nach geeignetem Gerinnungsassay
- LA-bedingt verlängerte aPTT: Anti-Xa-basierte Steuerung erwägen
Erstes arterielles thrombotisches APS
- VKA gegenüber LDA allein bevorzugt
- Ziel-INR 2–3 oder 3–4 nach individuellem Rezidiv- und Blutungsrisiko
- VKA mit INR 2–3 + LDA als weitere erwägbare Strategie
DOAK
- Rivaroxaban: nicht bei Tripelpositivität
- Arterielles APS: DOAK nicht empfohlen
- Venöses APS: DOAK nur in definierten Ausnahmefällen erwägen
- Ziel-INR trotz guter VKA-Adhärenz nicht erreichbar
- VKA kontraindiziert oder nicht vertragen
- Wechsel allein wegen erschwertem INR-Monitoring oder schlechter Adhärenz nicht als leitliniengestützte Standardlösung
- DGRh SLE 2025: DOAK sollten bei thromboembolischem APS nicht, bei manifestem arteriellem APS sollen sie nicht angewendet werden. Der erläuternde Leitlinientext lässt bei venösem APS unter strenger Nutzen-Risiko-Abwägung Ausnahmen bei VKA-Unverträglichkeit/Kontraindikation oder nicht erreichbarem Ziel-INR zu. Daraus folgt keine generelle DOAK-Alternative; schlechte Adhärenz rechtfertigt keinen Wechsel
Rezidiv unter Antikoagulation
- Zuerst:
- Adhärenz prüfen
- INR-Verlauf/Time in Therapeutic Range prüfen
- häufigere INR-Kontrollen bzw. Selbstmonitoring erwägen
- andere Ursachen des Rezidivs abklären
- Bei Rezidiv trotz erreichtem INR 2–3:
- LDA ergänzen oder
- Ziel-INR auf 3–4 erhöhen oder
- auf LMWH wechseln
Obstetrisches APS
- Hochrisiko-aPL-Profil ohne bisherige Thrombose/Schwangerschaftskomplikation: EULAR 2019 empfiehlt, LDA in der Schwangerschaft zu erwägen
- DGRh SLE 2025 – zusätzliche nationale Empfehlung: Bei SLE mit Hochrisiko-aPL oder APS empfiehlt 4.11 LDA + NMH. Dies geht für Hochrisiko-aPL ohne APS-Ereignis über EULAR 2019 hinaus; Hämostaseologie/Geburtsmedizin in die Auswahl einbeziehen
- ≥3 spontane Aborte <10. SSW oder fetaler Verlust ≥10. SSW: LDA + prophylaktisches Heparin
- Entbindung <34. SSW wegen Eklampsie/schwerer Präeklampsie oder Plazentainsuffizienz: LDA oder LDA + prophylaktisches Heparin nach individuellem Risikoprofil
- Klinisches „non-criteria“-obstetrisches APS: z. B. zwei frühe Aborte oder Entbindung ≥34 SSW wegen schwerer Präeklampsie/Eklampsie; LDA allein oder + prophylaktisches Heparin nach individuellem Risiko erwägbar
- Bei entsprechender Indikation LDA bevorzugt bereits vor Konzeption beginnen; Heparin nach Schwangerschaftsbestätigung ergänzen
- EULAR 2019 verwendet die damaligen obstetrischen Kriterien. Ein niedriger obstetrischer Punktwert in der Klassifikation 2023 hebt eine klinische Behandlungsindikation nicht auf
- Prophylaktisches Heparin in der Schwangerschaft bei obstetrischem APS: Fortführung 6 Wochen postpartal erwägen
- Rezidivierende Schwangerschaftskomplikationen trotz LDA + prophylaktischem Heparin:
- therapeutische Heparindosis oder
- HCQ ergänzen oder
- niedrig dosiertes Prednisolon im 1. Trimenon erwägen
- IVIG nur in hochselektierten Fällen
- Thrombotisches APS in der Vorgeschichte: LDA + therapeutisches Heparin während der Schwangerschaft; EULAR 2019: VKA nach Schwangerschaftsbestätigung umgehend auf therapeutisches LMWH/UFH umstellen, idealerweise vor der 6. SSW. Bei geplantem Kinderwunsch verlangt die Phenprocoumon-Fachinformation die Umstellung bereits vor der Schwangerschaft
Zusatztherapie · Hydroxychloroquin, Prednisolon, IVIG · Zusatz bei refraktärem Verlauf · (Off-Label)
Cave: Retinopathie / QT-Verlängerung; Makulopathie laut FI kontraindiziert
- Hydroxychloroquin: refraktäres obstetrisches APS; (Off-Label); bei SLE 200–400 mg p.o./d, ≤5 mg/kg tatsächliches Körpergewicht/d
- Prednisolon: niedrig dosierte Zusatzoption im 1. Trimenon; (Off-Label)
- IVIG: hochselektive Reserve; (Off-Label)
- APS-spezifische Dosis/Dauer: nicht standardisiert
- DGRh Wechselwirkung 2023: Azithromycin meiden; FI: Tamoxifen-Kombination nicht empfohlen; weitere Interaktionen
- DGRh Antimalaria 2020: Dosierung nach tatsächlichem Körpergewicht; Augen-, Muskel- und Herzmonitoring
Mikrovaskuläres APS, Thrombozytopenie und Klappenbeteiligung
- Alle drei sind eigene Klassifikationsdomänen, aber keine Gegenstände einer belastbaren EULAR 2019-Therapieempfehlung
- EULAR 2019 trifft hierzu keine gesonderte Empfehlung; Behandlung individuell und interdisziplinär
- Therapie nach Manifestation und Mechanismus: mikrovaskuläre Thrombose, Blutung, Immunthrombozytopenie oder Klappenbeteiligung
- Nicht-Leitlinienquelle – Task-Force-Bericht des 16. Internationalen aPL-Kongresses: aPL-Testung bei Thrombozytopenie und rezidivierenden kardialen Ereignissen wird von der Literatur gestützt; begrenzte Daten. Keine Ableitung eines Therapiestandards
- Immunsuppression nach eigenständiger Organ-/Autoimmunindikation; keine pauschale Gegenempfehlung für behandlungsbedürftige Immunthrombozytopenie oder entzündliche Organmanifestationen
Katastrophales APS
- Sofortige Behandlung; diagnostische Komplettierung darf bei hoher klinischer Wahrscheinlichkeit den Therapiebeginn nicht verzögern
- First-line:
- Heparin
- Glukokortikoide
- Plasmaaustausch oder IVIG
- Trigger parallel behandeln: insbesondere Infektion, Operation/Antikoagulationsunterbrechung, Malignität, nekrotisches Gewebe
- Refraktär: Rituximab oder Eculizumab in spezialisierten Zentren erwägbar
- Ergänzende Leitlinie: McMaster CAPS 2018, in EULAR 2019 als Beleg geführt
Reservetherapie · Rituximab, Eculizumab · Reserve bei refraktärem Verlauf · (Off-Label)
Cave: HBV-Reaktivierung unter Rituximab; Meningokokken unter Eculizumab
- Rituximab / Eculizumab: refraktäres CAPS; individuelles Zentrumsschema; (Off-Label); Dosisregime nicht standardisiert
- Eculizumab: Meningokokkenimpfung ACWY/B; bei dringlichem Beginn antibiotische Prophylaxe bis 2 Wochen nach Impfung
Monitoring und Sicherheit
Kurzfassung
- VKA: INR und Adhärenz kontinuierlich; Qualität der Antikoagulation vor Eskalation prüfen
- Blutungs- und Rezidivrisiko regelmäßig neu bewerten
- Kardiovaskuläre und VTE-Risikofaktoren konsequent kontrollieren
- Bei mikrovaskulärem/renalem APS: organspezifische Verlaufskontrollen
- Bei Thrombozytopenie: Blutbild und Blutungsrisiko
- Bei Klappenbeteiligung: kardiologische Verlaufskontrolle nach Befund
- Schwangerschaft: Hochrisiko-Schwangerschaftsbetreuung mit fetal-maternaler Surveillance
- Kontrazeption, assistierte Reproduktion und Menopause: eigene Risikoentscheidung
- EAPSDAS 2025/2026: neues, initial validiertes Aktivitätsinstrument; prospektive weitere Validierung ausstehend, daher kein verpflichtender Routine-Score
Antikoagulationsmonitoring
- VKA: INR-Kontrollen entsprechend Stabilität und klinischer Situation
- Rezidiv: Adhärenz und dokumentiertes Erreichen des Ziel-INR vor Therapieeskalation prüfen
- Blutungsrisiko: Alter, Nieren-/Leberfunktion, Thrombozytopenie, Begleitmedikation, frühere Blutung
- Perioperativ: Bridging und Unterbrechungsmanagement geplant durchführen; unnötige Antikoagulationsunterbrechungen vermeiden
Organ- und Risikomonitoring
- Hydroxychloroquin: Augenbasis Monat 0–6 – DGRh Antimalaria 2020; jährlich ab dem 5. Therapiejahr, bei Risikofaktoren ab Beginn – DOG Augen 2025. FI-Abweichung: Kontrollen vor Beginn und alle 3 Monate; Details
- Hydroxychloroquin – DGRh Antimalaria 2020: CK/LDH vor Beginn und alle 3–6 Monate; neue Schwäche/Dysphagie oder kardiale Auffälligkeit → gezielte Abklärung
- Blutdruck, Lipide, Diabetes, Rauchstatus, Bewegung
- Neue thrombotische Ereignisse aktiv erfassen
- Thrombozyten bei hämatologischer Manifestation
- Kreatinin/eGFR, Proteinurie und Urinsediment bei vermuteter/gesicherter aPL-Nephropathie
- Echokardiographie bei dokumentierter Klappenbeteiligung nach kardiologischer Indikation
Kontrazeption, Reproduktion und Schwangerschaft
- Kombiniert hormonelle Kontrazeption – orale Pille, Vaginalring, transdermales Pflaster – bei aPL-Positivität mit oder ohne definites APS nicht empfohlen
- Intrauterinpessar ohne gynäkologische Kontraindikation für alle Patient:innen möglich
- Assistierte Reproduktion: bei stabiler/inaktiver Erkrankung durchführbar; bei aPL-Positivität/APS Antikoagulation und/oder LDA
- Menopausale Hormontherapie: bei schwerer vasomotorischer Symptomatik bevorzugt nur bei stabiler/inaktiver Erkrankung und negativem aPL. Bei positivem aPL Thrombose- und kardiovaskuläres Risiko ausdrücklich abwägen; kein Routinepfad
- Details, Präparate und Arzneimittelverträglichkeit im gemeinsamen Reproduktionsmodul
- Betreuung als Hochrisikoschwangerschaft
- Überwachung nach lokalem Hochrisikoprotokoll für hypertensive Erkrankungen/Plazentainsuffizienz
- Ultraschall 11–14 Wochen
- Zweittrimester-Ultraschall mit Doppler der Umbilikal- und Uterinarterien, bevorzugt 20–24 Wochen
- Bei erhöhtem Risiko/auffälligem Verlauf zusätzliche biometrische und Doppler-Kontrollen im 3. Trimenon; EULAR Schwangers 2017 beschreibt monatliche Surveillance als Orientierung
- Antikoagulationsstatus bei Geburtsplanung und postpartal berücksichtigen
EAPSDAS
- EULAR APS Disease Activity Score, publiziert 2025/2026
- getrennte thrombotisch/mikrovaskulär/nichtthrombotische und obstetrische Skala
- initiale Validierung anhand klinischer Vignetten
- prospektive Validierung ausdrücklich noch erforderlich
- derzeit nicht als alleinige Routine-Therapiesteuerung oder Ersatz klinischer Beurteilung verwenden
Katastrophales Antiphospholipidsyndrom (CAPS)
Kurzfassung
- CAPS bei rascher Multiorganthrombose erwägen; unverzügliche interdisziplinäre Behandlung
- Klassifikationsrahmen unterstützt die Einordnung; fehlende Biopsie oder ausstehende Wiederholungstests dürfen den Therapiebeginn nicht verzögern
- Heparin + Glukokortikoid + Plasmaaustausch und/oder IVIG; Trigger parallel behandeln
Klassifikationsrahmen
Definites CAPS: alle 4 Kriterien
- Beteiligung von ≥3 Organen/Systemen/Geweben
- Manifestationen gleichzeitig oder innerhalb <1 Woche
- Histopathologischer Nachweis eines Kleingefäßverschlusses in mindestens einem Organ/Gewebe
- Laborbestätigung von aPL; der historische CAPS-Rahmen nennt LA und/oder aCL
Probables CAPS: vier definierte unvollständige Konstellationen
- alle 4 Kriterien, aber Beteiligung von nur 2 Organen/Systemen/Geweben
- alle 4 Kriterien, aber fehlende Laborbestätigung im vorgesehenen Wiederholungsabstand, weil die Person früh verstirbt und vor dem CAPS nie auf aPL getestet wurde
- Kriterien 1, 2 und 4
- Kriterien 1, 3 und 4 sowie Auftreten eines dritten Ereignisses später als 1 Woche, aber innerhalb <1 Monats, trotz Antikoagulation
- CAPS-Konsens 2003: Laborbestätigung nach 6 Wochen; aktuelle APS-Kriterien: mindestens 12 Wochen
Akutmanagement
- sofortige intensivmedizinisch-interdisziplinäre Behandlung
- Heparin + Glukokortikoide + Plasmaaustausch und/oder IVIG
- Trigger aggressiv behandeln
- bei refraktärem Verlauf Rituximab oder Eculizumab erwägen
- SLE-assoziiertes CAPS: aktiven SLE nach Organmanifestation behandeln; Cyclophosphamid bei entsprechender SLE-Indikation
- Behandlungsbeginn nicht bis zur vollständigen Erfüllung der Klassifikationskriterien aufschieben
Quellen und Links
Kürzel im TextVollständige Quelle und Volltext
Diagnostik und Therapie der Venenthrombose und Lungenembolie. DGA S2k-Leitlinie, AWMF 065-002, 2023.
HCQ-FI
- DGA 2023: Diagnostik und Therapie der Venenthrombose und Lungenembolie – ergänzende Mindestdauer der Antikoagulation; APS-spezifische Verlängerungsentscheidung nach EULAR 2019.
- Tektonidou MG, Andreoli L, Limper M, et al. EULAR recommendations for the management of antiphospholipid syndrome in adults. Ann Rheum Dis. 2019;78(10):1296–1304. DOI 10.1136/annrheumdis-2019-215213.
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- Hydroxychloroquin – deutsche Fachinformation, Indikation und Sicherheit; Dosierungsziel bei SLE nach Quelle 8.
- Rituximab – EMA-Produktinformation, Indikationen und Infektionssicherheit.
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- Weitere Fachinformationen: Prednisolon, FI 4.3–4.5, Immunglobuline i.v., FI 4.3–4.5, Cyclophosphamid, FI 4.3–4.5.
Diese redaktionelle Zusammenfassung unterstützt die fachliche Orientierung. Sie ersetzt weder die Originalleitlinie noch die ärztliche Entscheidung im Einzelfall.