Polymyalgia rheumatica (PMR)
Klassifikationskriterien Kalkulator
Überblick
Klassifikationskriterien Kalkulator
Diagnostik und Klassifikation
Kurzfassung
Alter ≥50 Jahre; neu aufgetretene bilaterale Schultergürtelschmerzen/-steifigkeit, häufig Beckengürtelbeteiligung
CRP und/oder BSG meist erhöht; beide normal <3 %
Klinische Diagnose; kein spezifischer diagnostischer Test, Ausschluss relevanter Differenzialdiagnosen
Arthrosonographie zur diagnostischen Unterstützung
Bei Erstdiagnose und im Verlauf auf begleitende Riesenzellarteriitis (RZA) achten
Diagnose
• Alter ≥50 Jahre
• Neu aufgetreten:bilaterale Schultergürtelschmerzenausgeprägte Morgensteifigkeithäufig Hüft-/Beckengürtelschmerzen
• Ggf. Allgemeinsymptome:Fatigue/AbgeschlagenheitFieberNachtschweißAppetitlosigkeitGewichtsverlust
• CRP und/oder BSG typischerweise erhöht
• CRP und BSG normal:selten, <3 %PMR dennoch möglichDiagnose besonders kritisch überprüfenACR/EULAR-2012-Klassifikationskriterien dann nicht anwendbar
• Kein PMR-spezifischer diagnostischer Test
• Glukokortikoidansprechen: unterstützend, kein diagnostischer Beweis
Labor
• Entzündung: CRP, BSG
• Basislabor: Blutbild, Kreatinin/eGFR, Leberwerte, Glukose
• Muskulär/endokrin: CK, TSH
• Knochenstoffwechsel: Kalzium, AP, ggf. Vitamin D – v. a. bei geplanter längerfristiger Glukokortikoidtherapie
• Rheumatologische Differenzialdiagnostik: RF, ACPA (CCP), ggf. ANA, ANCA
• Bei entsprechender Konstellation: Serumelektrophorese ± Immunfixation, Urinstatus
• Keine obligate Durchführung sämtlicher Untersuchungen bei jeder PMR
Bildgebung
• Arthrosonographie zur diagnostischen Unterstützung
• Typische Befunde:subakromial-subdeltoidale (SASD-)BursitisBizepstenosynovitisglenohumerale SynovitisHüftsynovitistrochanterische Bursitis
• Sonographische Befunde nicht PMR-spezifisch
• MRT:ggf. bei atypischer/unklarer Konstellationinsbesondere Schulter-/Beckengürtel
• FDG-PET/CT:keine routinemäßige PMR-Erstdiagnostikinsbesondere bei V. a. Großgefäßvaskulitis oder unklarer systemischer Konstellation
Riesenzellarteriitis
• PMR und RZA als überlappendes Krankheitsspektrum
• RZA bei ca. 20 % der PMR
• PMR-Symptomatik bei ca. 50 % der RZA
• Bei Erstdiagnose und im Verlauf auf RZA-Hinweise achten:neue KopfschmerzenKopfhautempfindlichkeitauffällige TemporalarterienKiefer-/ZungenclaudicatioVisusstörungen/Amaurosis fugaxExtremitätenclaudicatioGefäßgeräusche/Pulsdifferenzen
• Bei V. a. RZA:rasche weiterführende DiagnostikGefäßsonographie Temporal- und Axillararterien als bevorzugte Erstbildgebungalternativ/ergänzend MRT oder FDG-PET abhängig vom Manifestationsmusterbei extrakranieller Großgefäßbeteiligung ggf. zusätzlich CT/CTA
• Bei starkem klinischem RZA-Verdacht:Glukokortikoidtherapie nicht durch Diagnostik verzögern
• Subklinische RZA/Großgefäßbeteiligung bei einem Teil der PMR bildgebend nachweisbarroutinemäßiges Gefäßscreening aller asymptomatischen PMR derzeit nicht etabliert
Wichtige Differenzialdiagnosen
• Elderly-onset RA
• CPPD
• andere entzündliche Arthritiden
• RS3PE
• late-onset Spondyloarthritis
• Rotatorenmanschettenpathologie
• adhäsive Kapsulitis
• Omarthrose
• entzündliche Myopathien
• medikamenteninduzierte Myopathie
• Hypothyreose
• Infektionen
• Malignome/hämatologische Erkrankungen
• VEXAS-Syndrom bei atypischer Konstellation
• Immuncheckpointinhibitor-assoziiertes PMR-ähnliches Syndrom
ACR/EULAR-Klassifikationskriterien 2012
Voraussetzungen
• Alter ≥50 Jahre
• bilaterale Schulterschmerzen
• CRP und/oder BSG erhöht
Anwendung bei fehlender besserer alternativer Erklärung
Kriterium — Punkte
Morgensteifigkeit >45 min — 2
Hüftschmerz oder eingeschränkte Hüftbeweglichkeit — 1
RF und ACPA negativ — 2
Keine anderen Gelenkschmerzen — 1
≥1 Schulter mit subdeltoidaler Bursitis und/oder Bizepstenosynovitis und/oder glenohumeraler Synovitis und ≥1 Hüfte mit Synovitis und/oder trochanterischer Bursitis — 1
Bilaterale Schulterbeteiligung entsprechend den sonographischen Kriterien — 1
Klassifikation
• Ohne Sonographie: ≥4/6 Punkte
• Mit Sonographie: ≥5/8 Punkte
• Klassifikations-, keine Diagnosekriterien
• Eingeschränkte Abgrenzung insbesondere gegenüber RA
Therapie
Kurzfassung
Erstlinie: Glukokortikoide 15–25 mg Prednison-/Prednisolon-Äquivalent/Tag, morgens als EinzeldosisTaper: 10 mg/Tag nach 4–8 Wochen, danach orientierend −1 mg alle 4 Wochen bis zum AbsetzenRezidiv: mindestens auf die zuletzt wirksame Glukokortikoiddosis zurück → anschließend erneuter langsamer TaperRezidivierend/refraktär bzw. relevante Glukokortikoidtoxizität: IL-6R-InhibitionSarilumab 200 mg s.c. alle 2 Wochen: zugelassen bei unzureichendem Ansprechen auf Glukokortikoide oder Rezidiv während des TapersMethotrexat: Off-Label, Alternative zur IL-6R-Inhibition; optimale PMR-Dosis nicht abschließend geklärtTherapiedauer Glukokortikoide ≤1 Jahr anstreben
Glukokortikoide
• Prednison/Prednisolon: initial 15–25 mg/d p.o. morgens als Einzeldosis
• Initialdosis individuell nach Krankheitsaktivität, Komorbiditäten sowie Rezidiv- und Glukokortikoidtoxizitätsrisiko
• Initialdosis ≤7,5 mg/d oder >30 mg/d nicht empfohlen
• Ziel: Reduktion auf 10 mg/d innerhalb von 4–8 Wochen
• Danach bei anhaltender Remission langsamer Taper, orientierend −1 mg alle 4 Wochen
• Taper individuell nach:klinischer KrankheitsaktivitätCRP/BSGRezidivenGlukokortikoidtoxizität
• Keine routinemäßige Aufteilung auf mehrere Tagesdosen
• Bei Glukokortikoid-Monotherapie: Absetzen innerhalb von ≤1 Jahr anstreben
• Mit Biologikum: Glukokortikoide möglichst innerhalb von ≤16 Wochen absetzen
• Mit MTX: individuell verkürzter Glukokortikoid-Taper auf etwa 6–8 Monate
• Konkrete Therapiezeiten: Expertenkonsens, keine vergleichenden Studien
Rezidiv
• Wiederauftreten PMR-typischer Beschwerden nach Remission
• CRP-/BSG-Anstieg unterstützend, aber nicht allein beweisend
• Differenzialdiagnosen und begleitende RZA erneut prüfen
• Glukokortikoide zumindest auf die Prä-Rezidiv-Dosis erhöhen
• Anschließend innerhalb von etwa 4–8 Wochen wieder auf die Dosis reduzieren, bei der das Rezidiv aufgetreten ist
• Wiederholte Rezidive, unzureichende Glukokortikoidreduktion oder relevantes Risiko für Glukokortikoidtoxizität:glukokortikoidsparende Therapie
Glukokortikoidsparende Therapie
• Sarilumab: 200 mg s.c. alle 2 Wochen; zugelassen bei unzureichendem Ansprechen auf Glukokortikoide oder Rezidiv während des Glukokortikoid-Tapers
• Methotrexat: 1×/Woche, Off-Label; ältere Studien 7,5–10 mg/Woche, aktueller RCT 25 mg/Woche; optimale PMR-Dosis nicht abschließend etabliert
• Tocilizumab: 162 mg s.c. 1×/Woche, Off-Label; Wirksamkeit durch randomisierte Studien belegt
• Rituximab: Off-Label; Alternative in ausgewählten Fällen, begrenzte Evidenz
IL-6R-Inhibition
• Unter IL-6Ri CRP und BSG pharmakologisch supprimiert
• CRP/BSG zur Aktivitätsbeurteilung daher nur eingeschränkt geeignet
• Therapieansprechen und Rezidive primär klinisch beurteilen
Nicht empfohlen
• TNF-Inhibitoren: nicht empfohlen
• NSAR: keine Therapie der PMR; ggf. bei unabhängigen zusätzlichen muskuloskelettalen Beschwerden
Monitoring
Kurzfassung
Therapieziel: Remission mit möglichst vollständigem Absetzen der GlukokortikoideKontrollen: bis Remission alle 1–4 Wochen, bei stabiler Remission alle 3–6 Monate, nach Therapieende individuellVerlauf: PMR-Symptomatik, Funktion, CRP ggf. BSG, aktuelle GK-Dosis/Taper, Rezidive, Therapienebenwirkungen und KomorbiditätenRZA: bei neu auftretenden verdächtigen Symptomen jederzeit erneut aktiv abklärenIL-6R-Inhibition: CRP/BSG pharmakologisch supprimiert → Krankheitsaktivität und Rezidiv primär klinisch beurteilen
Therapieziel
• Remission: keine klinischen Zeichen einer aktiven PMR und Normalisierung der PMR-bedingten systemischen Entzündungszeichen
• Remission erhalten bei möglichst geringer Therapieexposition
• Glukokortikoidfreie Remission anstreben
• Kein obligater Aktivitätsscore für die klinische Routine
Kontrollintervalle
• Bis zum Erreichen der Remission: alle 1–4 Wochen
• Stabile Remission: alle 3–6 Monate
• Nach erfolgreichem Absetzen: individuell
• Bei Rezidiv, Therapiewechsel oder Nebenwirkungen entsprechend engmaschiger
Krankheitsaktivität
• Schulter-/Beckengürtelschmerzen und -steifigkeit
• Morgensteifigkeit
• Funktion/Mobilität
• Allgemeinsymptome
• CRP, ggf. BSG
• Neu aufgetretene periphere Arthritis oder atypische Beschwerden → Diagnose/Differenzialdiagnosen überprüfen
• Rezidiv: Wiederauftreten PMR-typischer Symptome nach vorausgegangener Remission; Entzündungsparameter unterstützend, aber weder obligat noch allein beweisend
• Isolierte Erhöhung von CRP/BSG nicht automatisch als Rezidiv werten
• Persistierend erhöhte Entzündungsparameter ohne passende PMR-Aktivität → andere Ursachen, insbesondere RZA/LVV, Infektion oder andere entzündliche Erkrankung abklären
• Bei unspezifischen Beschwerden im Niedrigdosisbereich/nach Absetzen ggf. Glukokortikoid-Entzug bzw. Nebennierenrindeninsuffizienz als DD
Unter IL-6R-Inhibition
• Sarilumab/Tocilizumab: insbesondere CRP, meist auch BSG deutlich supprimiert
• Normale Entzündungsparameter kein zuverlässiger Nachweis einer Remission
• Krankheitsaktivität und Rezidive primär klinisch beurteilen
• Auch bei Infektionen ggf. abgeschwächte CRP-Reaktion
• Blutbild, Transaminasen, Lipide und Infektionsrisiko entsprechend Fachinformation
Glukokortikoidtoxizität
• Blutdruck
• Glukosestoffwechsel
• Gewicht
• Osteoporose-/Frakturrisiko
• Infektionen
• ggf. Katarakt/Glaukom
• Komorbiditäten und Begleitmedikation
• Kumulative GK-Exposition möglichst minimieren
Weitere Therapieüberwachung
• Methotrexat: Blutbild, Transaminasen, Kreatinin/eGFR entsprechend üblichem MTX-Monitoring
• Sarilumab/Tocilizumab: Blutbild, Transaminasen, Lipide; Infektionsrisiko
• Rituximab: bei Anwendung therapieübliches Sicherheitsmonitoring
Riesenzellarteriitis
• Auch im Verlauf auf neue RZA-Symptome achten:neue Kopfschmerzen/KopfhautempfindlichkeitKiefer-/ZungenclaudicatioVisusstörungen/Amaurosis fugaxExtremitätenclaudicationeue Puls-/Blutdruckseitendifferenz
• Bei Verdacht umgehende RZA-Abklärung und -Therapie
• Kein etabliertes routinemäßiges Gefäßscreening aller klinisch asymptomatischen PMR-Patient:innen
Bildgebung
• Keine routinemäßige Bildgebung zur PMR-Verlaufskontrolle
• Gezielte Bildgebung bei:unklarer persistierender/rezidivierender Symptomatikatypischem VerlaufV. a. RZA/Großgefäßvaskulitis
Nichtmedikamentöse Maßnahmen
• Bei älteren / gebrechlichen Patient*innen:Individualisiertes Übungsprogramm (Muskelkraft, Mobilität, Sturzprävention)
Leitlinien und weiterführende Quellen
Diese redaktionelle Zusammenfassung unterstützt die fachliche Orientierung. Sie ersetzt weder die Originalleitlinie noch die ärztliche Entscheidung im Einzelfall.