Rheumatherapie bei Krebsanamnese
Vor der Therapieentscheidung
- Tumor: Entität, Histologie, Stadium, bisherige Therapie, frühere Rezidive, aktueller Remissionsstatus und Prognose
- Arthritis: Aktivität, bisherige DMARDs, Funktion, Schädigungsrisiko, Glukokortikoidbedarf und wirksame Alternativen
- Patient:in: Komorbiditäten, Rauchstatus, Alkoholkonsum, frühere schwere Infektionen, eigene Aktivitätseinschätzung und Behandlungsziele
- Rheumatologische Behandlungsführung: Indikation, Aktivitätskontrolle und antirheumatische Therapie; Abstimmung mit Patient:in, Hausärzt:in und zuständiger Tumorfachdisziplin
- Onkologische Mitbeurteilung: tumorspezifisches Rezidiv-/Zweittumorrisiko, Prognose und Nachsorge
- Gemeinsame Entscheidung: Nutzen, mögliche Risiken und Folgen einer unzureichenden Rheumatherapie mit Patient:in besprechen; Therapiewahl und Zeitpunkt zwischen Rheumatologie und zuständiger Tumorfachdisziplin abstimmen
- Interdisziplinäres Tumorboard: bei komplexer Konstellation geeigneter Rahmen für die gemeinsame Therapieplanung
- Rezidiv und Zweittumor: nach früherer Krebserkrankung grundsätzlich möglich; ein späterer Tumor unter DMARD-Therapie allein belegt keinen ursächlichen Zusammenhang mit dem Medikament
Warum eine wirksame Rheumatherapie wichtig bleibt
- Chronische Entzündung: erhöhtes Risiko bestimmter Malignome; besonders gut belegt für Lymphome bei hoher RA-Aktivität
- Anhaltende Untertherapie: irreversible Gelenkschäden, Funktionsverlust und eingeschränkte Lebensqualität; zusätzlich kardiovaskuläre und Infektionsrisiken sowie Belastung durch Glukokortikoide, NSAR und Analgetika
- Wirksame Arthritisbehandlung: wichtig, um das potenziell entzündungsassoziierte Malignomrisiko zu vermindern; möglicher Beitrag zur Senkung von Neuerkrankungen oder Rezidiven
- Therapieziel: wirksame Entzündungskontrolle, Funktionserhalt und möglichst geringe Begleitmedikation bei vertretbarem onkologischem Risiko
- Nicht gesichert: DMARD-spezifischer Schutz vor Tumorrezidiven; wirksame Arthritistherapie ersetzt die onkologische Behandlung und Nachsorge nicht
Therapie bei Tumorremission
- Keine allein durch die Krebsanamnese begründete Verzögerung einer geeigneten, indizierten zielgerichteten Therapie; Zeitpunkt nach Arthritisaktivität und individueller Tumorprognose
- Remission fachonkologisch bestätigen; bei gegebener Indikation Rheumatherapie beginnen oder wieder aufnehmen
- Auch ein Beginn innerhalb von fünf Jahren möglich: untersuchte RA-Kohorten unter TNF-Inhibition ohne nachgewiesenen Risikoanstieg gegenüber csDMARDs; mögliche Auswahl prognostisch günstigerer Patient:innen begrenzt die Aussagekraft
Auswahl nach Tumorart
| Frühere Tumorerkrankung, aktuell in Remission | Bevorzugtes Vorgehen |
|---|---|
| Solider Tumor, kein Melanom | TNF-Inhibitoren bevorzugt erwägen, sofern rheumatologisch geeignet; nichtmelanozytärer Hautkrebs eingeschlossen |
| Lymphom | B-Zell-Depletion, insbesondere Rituximab, bevorzugt erwägen; Auswahl mit Hämatologie |
| Melanom | Keine gesicherte Klassenpräferenz; individuelle Entscheidung mit Dermatoonkologie |
Hintergrund zur Wirkstoffwahl
- TNF-Inhibitoren nach soliden Tumoren: größte klinische Datenbasis, überwiegend bei RA; in den untersuchten Konstellationen kein nachgewiesener Anstieg neuer oder rezidivierender Tumoren gegenüber csDMARDs
- Bedeutung der TNF-Präferenz: bessere Absicherung durch vorhandene Daten; keine nachgewiesene onkologische Unterlegenheit von IL-6-, IL-17-, IL-12/23- oder IL-23-Inhibitoren. Bei diesen Klassen Daten speziell nach Tumorerkrankung begrenzt; Auswahl nach Gelenkerkrankung und individueller Tumorkonstellation
- Solider Tumor in Remission, kein Melanom: TNF-Inhibitoren bei entsprechender rheumatologischer Eignung auch gegenüber Rituximab bevorzugt erwägen. Größere klinische Datenbasis für TNF-Hemmung; keine nachgewiesene onkologische Unterlegenheit von Rituximab
- Rituximab nach Lymphom: Präferenz unter anderem wegen seiner etablierten Rolle in der Behandlung von B-Zell-Lymphomen; direkte vergleichende Daten zur Rheumatherapie nach Lymphom fehlen. Kein genereller Vorrang nach jeder Krebsanamnese
- Melanom: besonders lückenhafte Daten und wichtige Rolle der Immunüberwachung; TNF-Präferenz nach anderen soliden Tumoren nicht übertragen. Daraus folgt kein pauschales TNF-Verbot
- Rituximab bei RA: EU-Zulassung für schwere aktive RA mit MTX, nach unzureichendem Ansprechen/ Unverträglichkeit anderer DMARDs einschließlich mindestens eines TNF-Inhibitors; früherer Einsatz außerhalb dieser Voraussetzungen (Off-Label). Keine Standardtherapie der PsA/axSpA
Warum Zurückhaltung bei JAK-Inhibitoren und Abatacept?
- JAK-Inhibitoren: in ORAL Surveillance mehr Malignome unter Tofacitinib als unter TNF-Inhibitoren bei RA mit erhöhtem Risikoprofil; keine Studie speziell zu Tumorrezidiven nach Krebs. Zusammen mit fehlenden belastbaren Daten in dieser Konstellation Grundlage der Zurückhaltung; nur ohne geeignete Alternative, individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung
- EMA-Auswahlregel für JAK-Inhibitoren: nur ohne geeignete Alternative bei Alter ≥65 Jahre, erhöhtem kardiovaskulärem Risiko, aktuellem oder früherem langjährigem Rauchen oder erhöhtem Tumorrisiko; frühere Malignome in die individuelle Risikobewertung einbeziehen
- Abatacept: Hemmung der T-Zell-Kostimulation; immunologisch gegenläufig zur Aktivierung der Tumorabwehr durch CTLA-4-Checkpoint-Blockade. Im EULAR 2024-Quellenstand 5 von 7 Beobachtungsstudien bei RA ohne Krebsanamnese mit erhöhten Tumorraten gegenüber anderen zielgerichteten Therapien, 2 ohne signifikanten Unterschied; unterschiedliche Endpunkte und mögliche Verzerrungen, keine quantitative Schätzung des individuellen Risikos; kein gesicherter direkter Nachweis eines erhöhten Rezidivrisikos nach Krebs, aber Anlass zur Zurückhaltung
- Praktische Konsequenz für beide: geeignete Alternativen vorrangig ausschöpfen; bei fehlender Alternative oder refraktärer Arthritis individuelle Auswahl mit Onkologie/Hämatologie. Keine pauschale absolute Kontraindikation allein aufgrund der Krebsanamnese
- Dosen und Begleittherapie: nach Erkrankung und Präparat; Details im jeweiligen Leitlinien-Essential und unter Medikamente
Aktiver Tumor und Checkpoint-Inhibitoren
- Aktiver Tumor oder fehlende Remission: zielgerichtete Rheumatherapie individuell mit Onkologie/ Hämatologie und Patient:in abstimmen; TNF-/Rituximab-Präferenzen bei Tumorremission nicht pauschal übertragen
- Auch bei indolenten hämatologischen Erkrankungen, z. B. CLL oder smouldering Myelom, gemeinsame Therapieplanung; ebenso bei Arthritisschub nach Absetzen einer wirksamen Rheumatherapie wegen der Tumordiagnose
- Unter Checkpoint-Inhibitoren: Schub einer vorbestehenden Arthritis und neu aufgetretene immunvermittelte Arthritis unterscheiden; rheumatologische Behandlung und Fortführung/Unterbrechung der Immuntherapie gemeinsam mit Onkologie festlegen
- Nicht abschließend geklärt: Einfluss der antirheumatischen Immunsuppression auf Tumorkontrolle und Überleben unter Checkpoint-Inhibition; widersprüchliche Beobachtungsdaten. Keine pauschale Freigabe oder Sperre einer Wirkstoffklasse
- Rheumatische Nebenwirkungen der Checkpoint-Therapie: eigener Behandlungspfad (EULAR Checkpoint-Inhibitoren 2021)
Was die Daten für die Praxis bedeuten
- Am besten untersucht: RA nach soliden Tumoren unter TNF-Inhibition; deutlich weniger Daten zu PsA/SpA, anderen Wirkstoffklassen, Lymphomen und einzelnen Tumoruntergruppen
- Entscheidungsgrundlage: überwiegend Beobachtungsdaten und Expertenkonsens; randomisierte Vergleichsdaten speziell nach früherer Tumorerkrankung fehlen
- Beobachtungsstudien: unterschiedliche Ausgangsrisiken und bevorzugte Auswahl bestimmter Patient:innen für einzelne Wirkstoffe; fehlendes Risikosignal beweist keine Gleichwertigkeit aller Therapien
- Langzeitrisiko unzureichend erfasst: begrenzte Nachbeobachtung und Expositionsdauer; manche Rezidive erst nach mehr als zehn Jahren. Die vorhandenen Daten erlauben keine umfassende Aussage zu späten Rezidiven
- Zeitabhängige Signale: in einer ORAL-Surveillance-Auswertung für Tofacitinib gegenüber TNF-Inhibitoren unterschiedliche Malignomraten ab etwa 18 Monaten; Endpunkt ohne nichtmelanozytären Hautkrebs. Keine daraus ableitbare sichere Kurzzeitdauer oder allgemeine Absetzgrenze
- Endpunkte: neue Tumoren und Rezidive häufig gemeinsam ausgewertet; Gesamtüberleben und progressionsfreies Überleben meist nicht berichtet. Aus einem fehlenden Anstieg der Tumorereignisse folgt keine gesicherte Aussage zum Überleben
- MTX: ebenfalls Hauttumorsignale, einschließlich nichtmelanozytärem Hautkrebs und Melanom; daraus kein pauschales Absetzen und keine gesicherte Aussage zum individuellen Rezidivrisiko
- Glukokortikoide: Beobachtungsdaten mit erhöhter Tumorinzidenz bei längerer Anwendung in Populationen ohne Krebsanamnese; Kausalität nicht gesichert. Dauerbedarf durch wirksame Arthritisbehandlung möglichst senken
- Für das Gespräch: wirksame Behandlung ist möglich; individuelle Tumorprognose und verbleibende Unsicherheit bleiben Teil der gemeinsamen Entscheidung
Monitoring
- Arthritisaktivität und Funktion krankheitsspezifisch kontrollieren; Glukokortikoide und NSAR bei wirksamer DMARD-Therapie reduzieren
- Onkologische Nachsorge: tumorspezifischer Plan der betreuenden Fachdisziplin
- Rezidiv, neuer Tumor oder Änderung der Krebstherapie: gemeinsame Nutzen-Risiko-Abwägung aktualisieren
- Medikamentenkontrollen: präparatspezifisch; unter JAK-Inhibitoren regelmäßige Hautuntersuchungen, insbesondere bei erhöhtem Hautkrebsrisiko
Quellen und Links
- 2024 EULAR points to consider on the initiation of targeted therapies in patients with inflammatory arthritis and a history of cancer. Sebbag et al.; Ann Rheum Dis 2025;84:388–397; online 20.12.2024, Heftpublikation 2025. EULAR Points to Consider 2024 – Zielgerichtete Therapien bei entzündlicher Arthritis und Krebsanamnese: Sebbag E et al. Ann Rheum Dis 2025;84(3):388–397;
- EULAR points to consider for the diagnosis and management of rheumatic immune-related adverse events due to cancer immunotherapy with checkpoint inhibitors. Kostine et al.; Ann Rheum Dis 2021;80:36–48. EULAR Points to Consider – Rheumatische Nebenwirkungen von Checkpoint-Inhibitoren: Kostine M et al. Ann Rheum Dis 2021;80(1):36–48.
- Zugehörige systematische Übersicht und Metaanalyse: Sebbag E et al. Ann Rheum Dis 2025;84(4):643– 652. Publikation
- Tofacitinib – zeitabhängiges Malignomsignal: Curtis JR et al. Ann Rheum Dis 2023;82(3):331–343. ORAL-Surveillance-Auswertung
- MTX und Melanom: Yan MK et al. JAMA Dermatol 2022;158(10):1157–1166. Systematische Übersicht und Metaanalyse
- Oh TK, Song IA. Cancer Prev Res 2020;13(12):1017–1026. Beobachtungsstudie