Baricitinib
Wirkmechanismus
Baricitinib ist ein selektiver und reversibler Inhibitor der Januskinasen JAK1 und JAK2. Durch die partielle Hemmung dieser Kinasen wird die Phosphorylierung und Aktivierung von STAT-Proteinen und damit die intrazelluläre Signalweiterleitung verschiedener Zytokine und Wachstumsfaktoren reduziert.
Zugelassene Indikationen
- Rheumatoide Arthritis: mittelschwere bis schwere aktive RA bei Erwachsenen nach unzureichendem Ansprechen oder Unverträglichkeit gegenüber einem oder mehreren DMARDs; als Monotherapie oder in Kombination mit Methotrexat.
- Atopische Dermatitis: mittelschwere bis schwere Erkrankung bei Erwachsenen und Kindern ab 2 Jahren, die für eine systemische Therapie infrage kommen.
- Alopecia areata: schwere Alopecia areata bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren.
- Juvenile idiopathische Arthritis ab 2 Jahren: polyartikuläre JIA (RF+ oder RF−, erweitert oligoartikulär), Enthesitis-assoziierte Arthritis und juvenile Psoriasis-Arthritis nach unzureichendem Ansprechen oder Unverträglichkeit gegenüber csDMARDs oder bDMARDs; als Monotherapie oder mit Methotrexat.
Vor Therapiebeginn
- Tuberkulose-Testung; bei aktiver TB soll Baricitinib nicht angewendet werden. Bei unbehandelter latenter TB ist vor Therapiebeginn eine Anti-TB-Therapie in Betracht zu ziehen.
- Screening auf Virushepatitis entsprechend klinischen Leitlinien.
- Impfstatus möglichst vor Beginn aktualisieren; attenuierte Lebendimpfstoffe werden unmittelbar vor oder während der Behandlung nicht empfohlen.
- Therapie nicht beginnen bei ALC < 0,5 × 10⁹/l, ANC < 1 × 10⁹/l oder Hämoglobin < 8 g/dl.
- Bei ≥ 65 Jahren, aktueller oder ehemaliger Langzeit-Raucheranamnese, atherosklerotischer kardiovaskulärer Erkrankung bzw. anderen kardiovaskulären Risikofaktoren oder Risikofaktoren für Malignome nur anwenden, wenn keine geeigneten Behandlungsalternativen verfügbar sind.
- VTE-Risikofaktoren (z. B. frühere VTE, größere Operation, Immobilisation, kombinierte hormonelle Kontrazeption/Hormonersatztherapie, erbliche Gerinnungsstörung) in die Nutzen-Risiko-Abwägung einbeziehen.
Kontrollen
- Lipidparameter etwa 12 Wochen nach Behandlungsbeginn und danach gemäß Leitlinien für Hyperlipidämie.
- ANC, ALC und Hämoglobin vor Therapiebeginn und danach im Rahmen der Routinekontrollen.
- Bei Transaminasenerhöhung und Verdacht auf arzneimittelbedingte Leberschädigung Therapie vorübergehend aussetzen, bis diese ausgeschlossen ist.
- Praktischer Kontrollrhythmus laut DGRh-Patienteninformation: in den ersten 3 Monaten etwa alle 4 Wochen, danach bei guter Verträglichkeit alle 2–3 Monate. [DGRh-Pat 07/2022]
Dosierung
Die Einnahme erfolgt einmal täglich unabhängig von Mahlzeiten und Tageszeit.
RA – Erwachsene: 4 mg 1× täglich; 2 mg 1× täglich bei ≥65 Jahren, erhöhtem Risiko für VTE/MACE/Malignome oder chronischen/wiederkehrenden Infekten.
Atopische Dermatitis – Erwachsene: 4 mg 1× täglich; 2 mg in den genannten Risikogruppen.
Atopische Dermatitis – 2 bis <18 Jahre: ≥30 kg: 4 mg 1× täglich; 10 bis <30 kg: 2 mg 1× täglich.
Alopecia areata – Erwachsene: 4 mg 1× täglich; 2 mg in den genannten Risikogruppen.
Alopecia areata – Jugendliche ab 12 J.: ≥30 kg: 4 mg 1× täglich; nach anhaltender Kontrolle Dosisreduktion auf 2 mg erwägen.
JIA – 2 bis <18 Jahre: ≥30 kg: 4 mg 1× täglich; 10 bis <30 kg: 2 mg 1× täglich.
Bei Erwachsenen mit Kreatinin-Clearance 30–60 ml/min: 2 mg einmal täglich; bei CrCl <30 ml/min wird die Anwendung nicht empfohlen. Bei pädiatrischen Patienten mit CrCl 30–60 ml/min soll die empfohlene Dosis halbiert werden.
Bei leichter oder mittelschwerer Leberfunktionsstörung keine Dosisanpassung; bei schwerer Leberfunktionsstörung wird die Anwendung nicht empfohlen.
Bei starken OAT3-Inhibitoren wie Probenecid beträgt die empfohlene Dosis für Erwachsene 2 mg einmal täglich. Bei Kindern und Jugendlichen ist die empfohlene Dosis zu halbieren.
Unterbrechung / Abbruch
- Bei einer Infektion, die nicht auf Standardtherapie anspricht, Behandlung vorübergehend unterbrechen und erst nach Ausheilung wieder beginnen.
- Bei Herpes zoster Behandlung vorübergehend unterbrechen, bis die Infektion abgeklungen ist.
- Bei ANC <1 × 10⁹/l, ALC <0,5 × 10⁹/l oder Hb <8 g/dl Behandlung unterbrechen; Wiederbeginn nach Erholung über den jeweiligen Grenzwert.
- Bei Verdacht auf venöse Thromboembolie Baricitinib unabhängig von Dosis und Indikation absetzen und unverzüglich abklären.
- Perioperativ empfiehlt die vorliegende DGRh-Patienteninformation eine Pause von 3–4 Tagen vor größeren Eingriffen und bis zum Abschluss der Wundheilung. [DGRh-Pat 07/2022]
Therapiebeurteilung
Atopische Dermatitis: bei fehlendem therapeutischem Nutzen nach 8 Wochen Beendigung in Betracht ziehen
Alopecia areata: bei fehlendem therapeutischem Nutzen nach 36 Wochen Beendigung in Betracht ziehen
JIA bei fehlendem therapeutischem Nutzen nach 12 Wochen Beendigung in Betracht ziehen.
Für RA nennt die Fachinformation kein fixes Abbruchintervall; die Behandlung wird entsprechend Wirksamkeit und Sicherheit fortgeführt.
Kontraindikationen
- Überempfindlichkeit gegen Baricitinib oder einen sonstigen Bestandteil.
- Schwangerschaft.
Hinweis: Aktive TB und relevante Infektionen werden in Abschnitt 4.4 als Warnhinweise/Anwendungsbeschränkungen behandelt, nicht als zusätzliche formale Gegenanzeigen in Abschnitt 4.3.
Nebenwirkungen – Auswahl
Infektionen
- Sehr häufig: Infektionen der oberen Atemwege
- Häufig: Pneumonie, Herpes zoster, Harnwegsinfektion, Gastroenteritis, Herpes simplex, Follikulitis
Blut/Lymphsystem
- Häufig: Thrombozytose >600 × 10⁹/l
- Gelegentlich: Neutropenie <1 × 10⁹/l
Stoffwechsel
- Sehr häufig: Hypercholesterinämie
- Gelegentlich: Hypertriglyzeridämie
Nervensystem
- Häufig: Kopfschmerzen
Gefäße
- Gelegentlich: Tiefe Venenthrombose
Atemwege
- Gelegentlich: Lungenembolie
Gastrointestinal
- Häufig: Abdominalschmerz, Übelkeit
- Gelegentlich: Divertikulitis
Leber
- Häufig: ALT-Erhöhung ≥3× ULN
- Gelegentlich: AST-Erhöhung ≥3× ULN
Haut
- Häufig: Ausschlag, Akne
Untersuchungen
- Häufig / gelegentlich: CK-Erhöhung >5× ULN: integriert häufig, bei RA gelegentlich. Gewichtszunahme: gelegentlich.
Indikationsabhängige FI-Fußnoten: Bei RA sind Akne und CK-Erhöhung >5× ULN gelegentlich. Bei atopischer Dermatitis sind Übelkeit und ALT-Erhöhung ≥3× ULN gelegentlich. Pneumonie und Thrombozytose >600×10⁹/l sind bei atopischer Dermatitis und Alopecia areata gelegentlich; Abdominalschmerz ist bei Alopecia areata gelegentlich, AST-Erhöhung ≥3× ULN dort häufig. Die Häufigkeit von Herpes zoster und tiefer Venenthrombose stammt aus RA-Studien; die der Lungenembolie aus RA-/AD-Studien. Follikulitis wurde in Alopecia-areata-Studien beobachtet. [FI 4.8]
Wechselwirkungen
- Eine Kombination mit biologischen DMARDs, biologischen Immunmodulatoren oder anderen JAK-Inhibitoren wird nicht empfohlen; additive Immunsuppression kann nicht ausgeschlossen werden. [FI 4.4]
- Bei starken OAT3-Inhibitoren wie Probenecid beträgt die empfohlene Dosis für Erwachsene 2 mg einmal täglich. Bei Kindern und Jugendlichen ist die empfohlene Dosis zu halbieren. [FI 4.2/4.5]
- Bei Leflunomid/Teriflunomid Vorsicht; klinisch relevante Interaktion mit Ibuprofen oder Diclofenac wird trotz OAT3-Hemmung nicht erwartet.
- Methotrexat beeinflusst die Baricitinib-Exposition nicht klinisch relevant.
Besondere Hinweise / Schwangerschaft / Stillzeit
- Regelmäßige Neubewertung von VTE-, MACE- und Malignomrisiko; regelmäßige Hautuntersuchungen werden insbesondere bei Hautkrebsrisiko empfohlen.
- Lebendimpfstoffe während oder unmittelbar vor der Behandlung nicht empfohlen.
- Schwangerschaft ist kontraindiziert; zuverlässige Verhütung während der Behandlung und mindestens 1 Woche danach.
- Baricitinib soll während der Stillzeit nicht angewendet werden.
Überdosierung
Einzeldosen bis 40 mg sowie Mehrfachdosen bis 20 mg täglich über 10 Tage wurden ohne dosislimitierende Toxizität angewendet. Bei Überdosierung Überwachung auf Nebenwirkungen und adäquate Behandlung bei Auftreten von Symptomen.
Quellen für dieses Medikament
Fachinformation: FI Baricitinib, Abschnitt 4.1–4.9 und 5.1. Verwendeter Volltext: Englisch; abgerufen am 07.09.2026.
DGRh: Baricitinib Pat 07 22, abgerufen am 07.09.2026.
DGRh: Baricitinib Arzt 07 22, abgerufen am 07.09.2026.
Ergänzende Empfehlungen: DGRh Baricitinib, Arztinformation 07/2022.
Diese Seite ist eine redaktionelle Zusammenfassung für Fachkreise. Sie ersetzt weder die Fachinformation noch die ärztliche Therapieentscheidung im Einzelfall.