Nintedanib
Wirkmechanismus
Nintedanib ist ein niedermolekularer Tyrosinkinase-Inhibitor. Es hemmt unter anderem Rezeptoren für PDGF, FGF und VEGF sowie weitere Kinasen und beeinflusst dadurch Signalwege, die an Fibroblasten-proliferation, -migration und -differenzierung sowie an der Progression fibrotischer Umbauprozesse beteiligt sind.
Zugelassene Indikationen
- Idiopathische Lungenfibrose (IPF) bei Erwachsenen.
- Andere chronische progredient fibrosierende interstitielle Lungenerkrankungen (ILDs) bei Erwachsenen.
- Klinisch signifikante progredient fibrosierende ILDs bei Kindern und Jugendlichen von 6 bis 17 Jahren.
- Interstitielle Lungenerkrankung bei systemischer Sklerose (SSc-ILD) bei Erwachsenen sowie bei Kindern und Jugendlichen ab 6 Jahren.
Vor Therapiebeginn
- Leberwerte bestimmen; bei Erwachsenen und pädiatrischen Patienten ist die Leberfunktion für Dosierung und Sicherheit relevant.
- Schwangerschaft ausschließen; Schwangerschaft ist eine formale Gegenanzeige.
- DGRh: Allgemeinstatus sowie gezielte Anamnese zu gastrointestinalen und kardiovaskulären Erkrankungen und erhöhter Blutungsneigung. [DGRh 01/2021]
- DGRh: Ausschluss einer schweren pulmonalen Hypertonie; Basislabor mit Blutbild, GOT, GPT, γ-GT, Kreatinin, Quick und PTT. [DGRh 01/2021]
Kontrollen
- Lebertransaminasen und Bilirubin vor Beginn und im ersten Behandlungsmonat prüfen; in den beiden folgenden Monaten regelmäßig und anschließend periodisch bzw. bei klinischer Indikation. Bei Risikokonstellationen engmaschiger kontrollieren. [FI 4.4]
- Bei pädiatrischen Patienten Wachstum regelmäßig kontrollieren; bei offenen Epiphysenfugen jährliche bildgebende Beurteilung der Wachstumsfugen.
- Bei Kindern/Jugendlichen bis Abschluss der Zahnentwicklung mindestens alle 6 Monate orale Zahnuntersuchung.
- DGRh: Blutbild, GOT, GPT, γ-GT und Kreatinin in den ersten 3 Monaten etwa alle 4 Wochen, anschließend bei stabilen Werten alle 8–12 Wochen. [DGRh 01/2021]
- ILD-Verlauf gemeinsam mit der Pneumologie krankheits- und verlaufsbezogen kontrollieren. ERS/EULAR CTD-ILD: Lungenfunktion einschließlich FVC/DLCO in der frühen Phase meist alle 3–6 Monate, später bei Stabilität alle 6–12 Monate. HR-CT nicht routinemäßig im selben Intervall: bei SSc-/RA-ILD und anderen CTD-ILD häufig nach 1–2 Jahren sowie bei Progressionsverdacht; bei schwerer oder rasch progredienter IIM-ILD kann eine Wiederholung bereits nach 3–6 Monaten sinnvoll sein. Genaue Dauer der frühen Phase und Folgeintervalle hängen von der Grunderkrankung ab. [ERS/EULAR CTD-ILD]
Dosierung
Erwachsene: 150 mg zweimal täglich im Abstand von etwa 12 Stunden; 100 mg zweimal täglich bei Unverträglichkeit der Standarddosis. Maximale Tagesdosis 300 mg.
Einnahme zu einer Mahlzeit; Kapseln unzerkaut mit Wasser schlucken und nicht öffnen oder zerkleinern.
Pädiatrisches Körpergewicht (6–17 Jahre) Regeldosis Reduzierte Dosis
13,5–22,9 kg 50 mg 2× täglich 25 mg 2× täglich
23,0–33,4 kg 75 mg 2× täglich 50 mg 2× täglich
33,5–57,4 kg 100 mg 2× täglich 75 mg 2× täglich
≥57,5 kg 150 mg 2× täglich 100 mg 2× täglich
Bei einem Gewicht unter 13,5 kg ist die Behandlung zu unterbrechen.
Leichte Leberfunktionsstörung (Child-Pugh A): Erwachsene 100 mg zweimal täglich; bei Kindern/Jugendlichen reduzierte Anfangsdosis. Child-Pugh B oder C: Anwendung nicht empfohlen.
Leichte bis mittelschwere Nierenfunktionsstörung: keine Anpassung der Anfangsdosis erforderlich; schwere Nierenfunktionsstörung mit CrCl <30 ml/min wurde nicht untersucht.
Unterbrechung / Abbruch
- Anhaltende schwere Diarrhö, Übelkeit oder Erbrechen trotz symptomatischer Therapie: Dosisreduktion/Unterbrechung; bei persistierend schwerem Verlauf Absetzen.
- Bei AST/ALT >3× ULN wird eine Dosisreduktion oder Therapieunterbrechung mit engmaschiger Überwachung empfohlen. Nach Rückgang auf das Ausgangsniveau Wiederaufnahme nach dem indikations-/altersbezogenen FI-Dosisanpassungsschema. Bei Leberwerterhöhung mit klinischen Anzeichen einer Leberschädigung, z. B. Ikterus, dauerhaft absetzen und andere Ursachen abklären. [FI 4.2/4.4]
- Bei gastrointestinaler Perforation oder ischämischer Kolitis dauerhaft absetzen. Ausschließlich nach vollständig abgeklungener ischämischer Kolitis kann in Ausnahmefällen nach sorgfältiger Beurteilung von Zustand und Risikofaktoren eine Wiederaufnahme erwogen werden. [FI 4.4]
- Nach einer Bauchoperation mit Nintedanib frühestens nach 4 Wochen beginnen. Bei perioperativer Unterbrechung Wiederaufnahme erst bei klinisch adäquater Wundheilung. [FI 4.4]
Kontraindikationen
- Schwangerschaft
- Überempfindlichkeit gegen Nintedanib, Erdnuss oder Soja oder einen sonstigen Bestandteil
Nebenwirkungen – Auswahl
Gastrointestinal: Diarrhö, Übelkeit, Erbrechen, Abdominalschmerz, verminderter Appetit; seltenere schwere GI-Komplikationen einschließlich Perforation.
Leber: Erhöhte Leberenzyme, insbesondere ALT/AST; Hyperbilirubinämie.
Allgemein: Gewichtsverlust, Kopfschmerzen.
Gefäße/Blutung: Blutungen; Hypertonie.
Pankreas: Pankreatitis kann auftreten.
Niere: Nierenfunktionsstörung/Nierenversagen wurden berichtet.
Die häufigsten unter Nintedanib berichteten Nebenwirkungen sind insbesondere Diarrhö, Übelkeit/Erbrechen, Abdominalschmerz, Appetitverlust, Gewichtsverlust und erhöhte Leberenzyme.
Wechselwirkungen
- Nintedanib ist ein P-Glykoprotein(P-gp)-Substrat. Potente P-gp-Inhibitoren wie Ketoconazol, Erythromycin oder Ciclosporin können die Exposition erhöhen.
- Potente P-gp-Induktoren wie Rifampicin, Carbamazepin, Phenytoin oder Johanniskraut können die Exposition vermindern.
- Bei gleichzeitiger Antikoagulation bzw. erhöhtem Blutungsrisiko sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung und Überwachung.
Besondere Hinweise / Schwangerschaft / Stillzeit
- Frauen im gebärfähigen Alter müssen eine sehr wirksame Verhütung während der Behandlung und mindestens 3 Monate danach anwenden.
- Bei Erbrechen/Diarrhö kann die Aufnahme oraler hormoneller Kontrazeptiva beeinträchtigt sein; zusätzliche bzw. alternative Verhütung erwägen.
- Während der Behandlung darf nicht gestillt werden.
Überdosierung
Bei Überdosierung ist die Therapie zu unterbrechen und eine geeignete supportive Behandlung einzuleiten; ein spezifisches Antidot ist nicht etabliert.
Quellen für dieses Medikament
Fachinformation: FI Nintedanib, Abschnitt 4.1–4.9 und 5.1. Verwendeter Volltext: Deutsch; abgerufen am 07.09.2026.
DGRh: Nintedanib Arzt 01 21, abgerufen am 07.09.2026.
Ergänzende Empfehlungen: ERS/EULAR CTD-ILD, Tabellen zu Verlaufskontrollen.
Diese Seite ist eine redaktionelle Zusammenfassung für Fachkreise. Sie ersetzt weder die Fachinformation noch die ärztliche Therapieentscheidung im Einzelfall.