Sarilumab
Wirkmechanismus
Sarilumab ist ein humaner monoklonaler Antikörper gegen den Interleukin-6-Rezeptor. Es bindet sowohl lösliche als auch membrangebundene IL-6-Rezeptoren und hemmt die IL-6-vermittelte Signalübertragung.
Zugelassene Indikationen
- Rheumatoide Arthritis bei Erwachsenen: mittelschwere bis schwere aktive RA nach unzureichendem Ansprechen oder Unverträglichkeit gegenüber einem oder mehreren DMARDs; mit MTX oder als Monotherapie, wenn MTX ungeeignet oder unverträglich ist.
- Polymyalgia rheumatica bei Erwachsenen nach unzureichendem Ansprechen auf Corticosteroide oder bei Rezidiv während des Ausschleichens.
- Aktive polyartikuläre juvenile idiopathische Arthritis (RF-positive oder -negative Polyarthritis und ausgedehnte Oligoarthritis) ab 2 Jahren nach unzureichendem Ansprechen auf csDMARDs; allein oder mit MTX.
Vor Therapiebeginn
- Aktive schwere Infektion ausschließen.
- TB-Risikofaktoren bewerten und auf latente TB untersuchen; latente oder aktive TB vor Sarilumab mit antimykobakterieller Standardtherapie behandeln.
- DGRh: Hepatitis-B-Screening; Thorax-Röntgen nicht älter als 3 Monate und geeignete TB-Screeningtests. [DGRh 11/2019]
- DGRh: Basislabor BSG, CRP, großes Blutbild, GOT, GPT, Kreatinin und Lipidstatus. [DGRh 11/2019]
- Bei Erwachsenen wird eine Einleitung bei ANC <2×10⁹/l, Thrombozyten <150×10³/µl oder ALT/AST >1,5× ULN nicht empfohlen. Für Kinder die gesonderten pJIA-FI-Vorgaben verwenden. [FI 4.2/4.4]
Kontrollen
- Neutrophile und Thrombozyten nach 4–8 Wochen und danach entsprechend klinischer Beurteilung kontrollieren.
- ALT/AST nach 4–8 Wochen und danach etwa alle 3 Monate; Lipidparameter nach 4–8 Wochen und danach gemäß Leitlinien.
- DGRh: in den ersten 3 Monaten BSG/CRP, großes Blutbild, GOT, GPT, Kreatinin etwa alle 4 Wochen, danach bei stabilen Werten alle 8–12 Wochen; Lipide nach 4–8 Wochen und anschließend alle 6 Monate. [DGRh 11/2019]
- CRP kann unter IL-6-Blockade stark supprimiert sein; ein normales oder nur gering erhöhtes CRP schließt eine Infektion nicht sicher aus. [DGRh 11/2019]
Dosierung
RA Erwachsene: 200 mg s.c. alle 2 Wochen; bei bestimmten Laborabweichungen Reduktion auf 150 mg alle 2 Wochen.
PMR Erwachsene: 200 mg s.c. alle 2 Wochen zusammen mit ausschleichenden systemischen Corticosteroiden; anschließend ggf. Monotherapie.
pJIA 10 bis <30 kg: Grunddosis 4 mg/kg s.c. alle 2 Wochen; tatsächliches Volumen gemäß Gewichtstabelle der 175-mg/ml-Durchstechflasche. Übergangsregel beim Wachstum beachten (siehe unten).
pJIA ≥30 kg: Grunddosis 3 mg/kg s.c. alle 2 Wochen; ab 63 kg auf höchstens 200 mg alle 2 Wochen begrenzt. Tatsächliches Injektionsvolumen nach FI-Gewichtstabelle und Übergangsregel, nicht allein nach ungerundeter mg/kg-Rechnung.
pJIA: Bei unter 4 mg/kg begonnener Behandlung und einem Gewicht von 27,5 bis <39,5 kg das Injektionsvolumen von 0,65 ml beibehalten; erst bei 39,5 kg auf das 3-mg/kg-Schema wechseln. Die pJIA-Durchstechflasche enthält 175 mg/ml. Die FI-Volumentabelle ist verbindlich; sie nennt für ≥63 kg 1,1 ml. Die Dosisbegrenzung auf 200 mg ist eine Obergrenze und keine Aufforderung, abweichend von der Volumentabelle 200 mg aufzuziehen. [FI 4.2, pJIA, Tabelle 1]
PMR: Daten liegen für eine Behandlung bis 1 Jahr vor; über 52 Wochen hinaus richtet sich die Fortsetzung nach Krankheitsaktivität, ärztlichem Ermessen und Patientenentscheidung.
Leichte bis mittelschwere Nierenfunktionsstörung: keine Dosisanpassung erforderlich; schwere Nierenfunktionsstörung wurde nicht untersucht. Leberfunktionsstörung einschließlich HBV/HCV-positiver Patienten wurde nicht untersucht.
Dosisanpassung / Unterbrechung
Laborwert bei RA Empfehlung
ANC >1×10⁹/l Dosis beibehalten.
ANC 0,5–1×10⁹/l: Aussetzen bis >1; Wiederbeginn mit 150 mg alle 2 Wochen, ggf. später wieder 200 mg.
ANC <0,5×10⁹/l: Behandlung beenden.
Thrombozyten 50–100×10³/µl: Aussetzen bis >100; Wiederbeginn mit 150 mg alle 2 Wochen, ggf. später wieder 200 mg.
Thrombozyten <50×10³/µl: Bei Bestätigung Behandlung beenden.
ALT >3–5× ULN: Aussetzen bis <3× ULN; Wiederbeginn mit 150 mg alle 2 Wochen, ggf. später wieder 200 mg.
ALT >5× ULN: Behandlung beenden.
Bei PMR gelten strengere Abbruchkriterien: Sarilumab muss u. a. bei ANC <1×10⁹/l am Ende des Dosierungsintervalls, Thrombozyten <100×10³/µl oder AST/ALT ≥3× ULN abgesetzt werden; Dosisanpassungen wurden hierfür nicht untersucht.
Die obige Labortabelle gilt für RA, der nachfolgend beschriebene strengere Abbruch für PMR. Für pJIA gelten eigene Unterbrechungs-/Abbruchregeln in Tabelle 2 der FI zur Durchstechflasche; insbesondere hängt das Vorgehen bei ausgeprägter Neutropenie auch vom Vorliegen einer Infektion ab. Die Erwachsenenregeln nicht pauschal übertragen. [FI 4.2]
- oder opportunistische Infektion: Therapie aussetzen, bis die Infektion unter Kontrolle ist.
- Bei größeren elektiven Eingriffen bzw. erhöhtem Infektionsrisiko Eingriff nach DGRh am Ende des zweiwöchentlichen Sarilumab-Therapieintervalls planen. Wiederbeginn bei ausreichender Wundheilung ohne Infektionszeichen; individuelle Risiken berücksichtigen. [DGRh perioperativ 2021/2022]
Kontraindikationen
- Überempfindlichkeit gegen Sarilumab oder einen sonstigen Bestandteil.
- Aktive, schwere Infektionen.
Nebenwirkungen – Auswahl
Sehr häufig: Neutropenie
Häufig: Infektionen der oberen Atemwege, Harnwegsinfektionen, erhöhte ALT-Werte, Erythem bzw. Reaktionen an der Injektionsstelle
Labor/Stoffwechsel: Erhöhung von Transaminasen, Cholesterin und Triglyzeriden; Thrombozytopenie kann auftreten
Gastrointestinal: Divertikulitis; gastrointestinale Perforationen sind eine klinisch wichtige seltenere Komplikation
Kinder/pJIA: Nasopharyngitis, Neutropenie und Infektionen der oberen Atemwege waren besonders häufig
Bei Erwachsenen mit RA/PMR waren in der FI die häufigsten Nebenwirkungen Neutropenie (14,3 %), Infektionen der oberen Atemwege (6,8 %), ALT-Erhöhung (6,3 %), Harnwegsinfektion (5,3 %) und Erythem an der Injektionsstelle (5,0 %)
Wechselwirkungen
- IL-6-Blockade kann eine entzündungsbedingt supprimierte CYP450-Aktivität normalisieren und dadurch die Exposition von CYP-Substraten verändern; relevant besonders bei Arzneimitteln mit enger therapeutischer Breite.
- DGRh nennt insbesondere Statine und Vitamin-K-Antagonisten als praktisch relevante Beispiele und rät von der Kombination mit anderen biologischen DMARDs oder JAK-Inhibitoren ab. [DGRh 11/2019]
Besondere Hinweise / Schwangerschaft / Stillzeit
- Lebendimpfstoffe während der Sarilumab-Therapie vermeiden; Impfstatus vor Behandlung aktualisieren.
- Frauen im gebärfähigen Alter: zuverlässige Verhütung während der Behandlung und bis zu 3 Monate danach.
- Schwangerschaft: nicht anwenden, es sei denn, der klinische Zustand der Frau erfordert die Behandlung.
- Stillzeit: Entscheidung, ob Stillen oder Sarilumab-Therapie zu unterbrechen ist, unter Abwägung des Nutzens für Kind und Mutter.
Leitlinienergänzung: EULAR 2024 erlaubt Sarilumab in der Schwangerschaft, wenn es zur wirksamen Kontrolle der mütterlichen Erkrankung erforderlich ist (Evidenz/Empfehlungsgrad 4/C). Für die Stillzeit gilt die Fortführung als kompatibel (4/C); die Evidenz ist wirkstoffabhängig und bedeutet keine Garantie eines Nullrisikos. Dies ist eine eigenständige Empfehlung neben der oben genannten FI. [EULAR Reproduktion 2024, Tabelle 1]
Überdosierung
Bei Überdosierung engmaschig überwachen und gegebenenfalls symptomatisch/supportiv behandeln; ein spezifisches Antidot ist nicht etabliert.
Quellen für dieses Medikament
Fachinformation: FI Sarilumab, Abschnitt 4.1–4.9 und 5.1. Verwendeter Volltext: Deutsch; abgerufen am 07.09.2026.
DGRh: Sarilumab Arzt 11 2019, abgerufen am 07.09.2026.
Diese Seite ist eine redaktionelle Zusammenfassung für Fachkreise. Sie ersetzt weder die Fachinformation noch die ärztliche Therapieentscheidung im Einzelfall.