Anakinra
DGRh-Therapieinformationen: Arztfassung · Patientenfassung
Fachinformationen: Präparateauswahl
| Indikationen | RA; CAPS, FMF und Still ab 8 Monaten/≥10 kg; definierte COVID-19-Konstellation. |
|---|---|
| Dosierung | RA: 100 mg s.c. täglich mit MTX. Still/FMF ≥50 kg: 100 mg täglich; darunter gewichtsbezogen. |
| Gegenanzeigen (Auswahl) | Bei absoluter Neutrophilenzahl <1,5 × 10⁹/l nicht beginnen; Überempfindlichkeit gegen aus E. coli gewonnene Proteine. |
| Besondere Sicherheitsmaßnahmen | Neutrophile monatlich über 6 Monate; Nierenanpassung, Tbc-/HBV-Screening; Leberwerte bei Still. |
Wirkmechanismus
Rekombinanter humaner IL-1-Rezeptorantagonist; blockiert kompetitiv IL-1α und IL-1β am IL-1-Typ-I-Rezeptor. [1]
Indikationen
RA: Nach unzureichendem Ansprechen auf MTX, in Kombination mit MTX. [1]
CAPS: Ab 8 Monaten und ≥10 kg; einschließlich NOMID/CINCA, Muckle-Wells und FCAS. [1]
FMF: Ab 8 Monaten und ≥10 kg; gegebenenfalls zusammen mit Colchicin. [1]
Still-Syndrom: AOSD/sJIA ab 8 Monaten und ≥10 kg mit aktiven systemischen Merkmalen mäßiger bis hoher Aktivität oder fortbestehender Aktivität nach NSAR beziehungsweise Glukokortikoiden. Allein oder mit anderen Antiphlogistika/DMARDs. [1]
COVID-19 – Erwachsene: Pneumonie, Sauerstoffbedarf und Risiko für schwere respiratorische Insuffizienz bei suPAR ≥6 ng/ml; validierten suPAR-Test verwenden. [1][2]
Off-Label-Anwendungen
MAS bei Still-Syndrom: Anakinra zusätzlich zu hochdosierten Glukokortikoiden erwägen. Die intensivierten Schemata und i.v.-Gabe sind (Off-Label) – Dosis/Applikationsweg und MAS-Behandlung. [3]
Dosierung und Anwendung
RA: 100 mg s.c. einmal täglich, möglichst gleiche Tageszeit, mit MTX. [4][1]
Still-Syndrom: ≥50 kg 100 mg s.c. täglich; <50 kg 1–2 mg/kg täglich. [1]
FMF: ≥50 kg 100 mg s.c. täglich; <50 kg 1–2 mg/kg täglich. [1]
CAPS: Start 1–2 mg/kg s.c. täglich. Bei schwerem CAPS meist 3–4 mg/kg täglich, bei Bedarf bis 8 mg/kg täglich. [4][1]
COVID-19 – Erwachsene: 100 mg s.c. täglich für 10 Tage. [1][2]
MAS bei Still-Syndrom – Erwachsene (Off-Label): 2–10 mg/kg pro Tag s.c., verteilt auf 2 Gaben. Intensivierte Dosis; i.v.-Anwendung nur im spezialisierten Akutkonzept. [3]
Pädiatrische Dosierungen
Still-Syndrom, ab 8 Monaten und ≥10 kg: Unter 50 kg 1–2 mg/kg s.c. täglich; ab 50 kg 100 mg täglich. Bei unzureichendem Ansprechen Steigerung bis 4 mg/kg täglich möglich. [1]
FMF, ab 8 Monaten und ≥10 kg: Unter 50 kg 1–2 mg/kg s.c. täglich; ab 50 kg 100 mg täglich. Bei unzureichendem Ansprechen Steigerung bis 4 mg/kg täglich möglich. [1]
CAPS, ab 8 Monaten und ≥10 kg: Start 1–2 mg/kg s.c. täglich, bei schwerem CAPS meist 3–4 mg/kg, bei Bedarf bis 8 mg/kg täglich. [1]
MAS bei Still-Syndrom – Kinder (Off-Label): 5–15 mg/kg pro Tag s.c. oder i.v., verteilt auf 2–4 Gaben; spezialisiertes Akutkonzept. [3]
Alters-/Gewichtsgrenze: Das Supplement nennt für das pädiatrische MAS-Regime ≥8 Monate oder 10 kg; die Still-Zulassung verlangt ≥8 Monate und ≥10 kg. Die abweichende Formulierung ist ungeklärt. Für Kinder unter einer der Zulassungsgrenzen lässt sich daraus keine allgemeine Dosierungsempfehlung ableiten. [3][1]
Dosisanpassung
| Kreatininclearance | Vorgehen |
|---|---|
| 60–89 ml/min | Keine Dosisanpassung. |
| 30–59 ml/min | Mit Vorsicht anwenden. |
| <30 ml/min oder terminale Niereninsuffizienz einschließlich Dialyse | Verordnete Einzeldosis jeden zweiten Tag erwägen. |
Leber: Bei Child-Pugh B keine Anpassung; bei schwerer Einschränkung vorsichtig anwenden. [1]
Vor Therapiebeginn
Basis: Aktive Infektion ausschließen, Impfstatus prüfen; großes Blutbild einschließlich absoluter Neutrophiler, AST/GOT, ALT/GPT und Kreatinin. BSG/CRP separat zur Aktivität. Bei ANC <1,5 × 10⁹/l nicht beginnen. [4][1]
Tuberkulose: Anamnese, klinische Untersuchung, IGRA und Thorax-Röntgen; aktive Tuberkulose vor einer LTBI-Prävention ausschließen. [5]
LTBI: Präventive Therapie vor Anakinra beginnen. Kürzere Rifamycin-Schemata bevorzugen: Rifampicin für 4 Monate oder Rifampicin plus Isoniazid für 3 Monate; alternativ Isoniazid für 9 Monate. Wechselwirkungen, Verträglichkeit und Resistenzanamnese berücksichtigen. [5]
Beginn unter LTBI-Prävention: Die gemeinsame Stellungnahme DZK/DGRh/DDG 2021 empfiehlt mindestens 4 Wochen präventive Therapie vor der Immunsuppression. Die S2k-Leitlinie 2022 bezeichnet den frühestmöglichen Start als nicht gesichert und beschreibt 4–8 Wochen als in der Literatur sicher angesehenen Vorlauf. Bei dringlicher Immunsuppression Zeitpunkt interdisziplinär unter Berücksichtigung der Grunderkrankung und des Präventionsverlaufs festlegen. [6][5]
HBV-Screening: HBsAg, Anti-HBc und Anti-HBs; bei HBsAg+ oder Anti-HBc+ zusätzlich HBV-DNA. [7]
HBV-Risiko: Substanzspezifisch unzureichend quantifiziert; Prophylaxe und Kontrollen hepatologisch nach Serostatus und Gesamtregime festlegen. [7]
Gesamtrisiko: Glukokortikoiddosis/-dauer, weitere Immunsuppression sowie Chemo-/Transplantationsregime berücksichtigen. Anti-HBs+ schließt bei Anti-HBc+ eine Reaktivierung nicht aus. Wenn erforderliche HBV-Kontrollen nicht gesichert sind: Prophylaxe. [7][8]
Kontrollen ohne Prophylaxe: Bei HBsAg+ und niedrigem Gesamtrisiko HBV-DNA/ALT spätestens alle 8 Wochen; bei HBsAg−/Anti-HBc+/HBV-DNA− HBsAg, HBV-DNA und ALT alle 1–3 Monate. Bei neuem DNA-Nachweis oder HBsAg-Reversion sofort antiviral behandeln, vor Hepatitis. [7]
Prophylaxe: Entecavir oder Tenofovir (TDF/TAF) vor Immunsuppression beginnen, währenddessen und danach 6–12 Monate (bei B-Zell-Depletion mindestens 18 Monate) fortführen. Nach Absetzen weiter überwachen; bei eigenständiger HBV-Therapieindikation länger behandeln. [7]
Impfung: Bei HBsAg−/Anti-HBc− und fehlendem Impfschutz möglichst vor Immunsuppression impfen; Schema und Erfolgskontrolle. [7][9]
Kontrollen
Neutrophile: Vor Beginn, in den ersten 6 Monaten monatlich, danach vierteljährlich. Bei ANC <1,5 × 10⁹/l unter Therapie absetzen und engmaschig kontrollieren. [1][2]
Weiteres Sicherheitslabor: Großes Blutbild, AST/GOT, ALT/GPT und Kreatinin in den ersten 3 Monaten etwa alle 4 Wochen, bei stabil normalen Werten danach alle 8–12 Wochen. BSG/CRP zur Aktivität; das längere DGRh-Intervall ersetzt die monatliche Neutrophilenkontrolle der ersten 6 Monate nicht. [4][1]
Still-Syndrom: Leberenzymkontrollen im ersten Monat erwägen, besonders bei Risikofaktoren oder Symptomen einer Leberfunktionsstörung. [1][2]
Schweres CAPS: ZNS einschließlich Innenohr sowie Augen nach 3 Monaten, danach alle 6 Monate bis zur wirksamen Dosis; bei guter klinischer Kontrolle jährlich. Untersuchungen umfassen nach Manifestation MRT/CT, Liquor, Audiologie und Ophthalmologie. [1]
Wirkbeginn und Therapiebeurteilung
Gegenanzeigen
ANC <1,5 × 10⁹/l bei Therapiebeginn; Überempfindlichkeit gegen Anakinra, Bestandteile oder aus E. coli gewonnene Proteine. [1]
Nebenwirkungen und Maßnahmen
Auswahl: Sehr häufig lokale Injektionsreaktionen, Kopfschmerzen und erhöhter Cholesterinspiegel; außerdem schwere Infektionen, Neutropenie und Thrombozytopenie. Nichtinfektiöse Hepatitis einschließlich einzelner Fälle akuten Leberversagens bei Still-Syndrom berichtet. [1]
Schwere Infektion: Bei RA absetzen. Bei CAPS/FMF kann wegen Schubrisikos unter sorgfältiger Überwachung fortgeführt werden; bei COVID-19 Fortführung trotz sekundärer Infektion möglich. [1][2]
DRESS: Bei passenden Symptomen ohne alternative Ursache absetzen und andere Behandlung erwägen. Schwere allergische Reaktion: Absetzen und behandeln. [1]
Pulmonale Ereignisse: ILD, alveoläre Proteinose und pulmonale Hypertonie vor allem bei pädiatrischem Still unter IL-1-/IL-6-Hemmung berichtet; Trisomie 21 überrepräsentiert. Kausalität für Anakinra nicht gesichert. [1]
Amyloidablagerung an Injektionsstellen: Bei bestätigtem Befund auf systemische AIL1RAP-Amyloidose achten, einschließlich engmaschiger Proteinuriekontrolle. [1]
Wechselwirkungen
TNF-Inhibitoren: Kombination nicht empfohlen; höhere Raten schwerer Infektionen/Neutropenie ohne zusätzlichen Nutzen. DGRh rät auch von Kombination mit anderen bDMARDs oder JAK-Inhibitoren ab. [1][4]
CYP450-Substrate mit enger therapeutischer Breite: Bei Beginn und Ende, etwa bei Warfarin oder Phenytoin, Wirkungs-/Spiegelkontrolle und gegebenenfalls Dosisanpassung erwägen. [1]
Kinderwunsch, Schwangerschaft und Stillzeit
Schwangerschaft: Anwendbar, wenn zur wirksamen Kontrolle der mütterlichen Erkrankung erforderlich. [10]
Stillzeit: Mit dem Stillen vereinbar. [10]
Väterlicher Kinderwunsch: Fortführung möglich. [10]
Säuglingsimpfungen: Totimpfstoffe nach regulärem Impfplan. Nach intrauteriner Exposition im 2./3. Trimenon Lebendimpfungen bis zum Alter von 6 Monaten verschieben. [10]
Fachinformation: Schwangerschaft und Anwendung ohne Kontrazeption aus Vorsicht vermeiden; Stillen während der Therapie unterbrechen. [1][2]
Impfungen
Lebendimpfstoffe: Nicht gleichzeitig mit Anakinra. Nichtlebendimpfstoffe: Unter Therapie möglich. [1][4]
Abstand zu Lebendimpfstoffen: Mindestens 4 Wochen vor Therapiebeginn oder frühestens 1 Monat nach der letzten Dosis. [11]
Empfohlene Nichtlebendimpfstoffe
Auswahl für Erwachsene nach Alter, Grunderkrankung, Impfstatus und Gesamtimmunsuppression. [9]
| Impfung | Indikation / Schema |
|---|---|
| Influenza | Jährlich bei Immunsuppression/ |
| COVID-19 | Jährlich bei relevanter Immunsuppression/ |
| Pneumokokken | PCV20 bei Immunsuppression/ |
| Herpes zoster | Ab 18 Jahren bei Immundefizienz oder schwerer Grunderkrankung; ab 60 Jahren generell. Adjuvantierter Totimpfstoff: 2 Dosen im Abstand von 2–6 Monaten; möglichst vor Immunsuppression. |
| Hepatitis B | Bei fehlendem Impfschutz und (geplanter) Immunsuppression. Anti-HBs 4–8 Wochen nach der Impfserie kontrollieren; Ziel ≥100 IE/l. |
| RSV | Einmalig ab 75 Jahren; mit 60–74 Jahren bei schwerer Grunderkrankung/ |
Weitere Impfungen: Tetanus, Diphtherie, Pertussis, Polio, HPV und altersgemäß Meningokokken-ACWY nach Impfkalender vervollständigen; Hepatitis A, FSME, Meningokokken B und Hib bei zusätzlicher Indikation. Bei Kindern und Jugendlichen altersgerechte STIKO-Schemata verwenden. [9]
Operationen
Perioperativ: Nach DGRh 1–2 Tage präoperativ pausieren; Wiederbeginn bei ausreichender Wundheilung ohne Infektionszeichen. [13]
ACR/AAHKS – elektive Hüft-/Knieendoprothetik bei entzündlicher Arthritis: Bei täglicher Gabe Operation an Tag 2 nach der letzten Dosis planen. Wiederbeginn nach Wundheilung, Entfernung von Fäden/Klammern und ohne relevante Schwellung, Rötung, Sekretion oder anderweitige Infektion; typischerweise nach etwa 14 Tagen. [14]
Alltag und Handhabung
Handelspräparate, Wirkstärken und Besonderheiten
Kineret 100 mg/0,67 ml Fertigspritze
Konzentration: 150 mg/ml; graduierte Fertigspritze für 20–100 mg. Wegen der kleinsten Dosis von 20 mg nicht für Kinder <10 kg geeignet. Polysorbat 80. [1]
Lagerung: 2–8 °C, nicht einfrieren, Lichtschutz. Für ambulante Anwendung bis 72 Stunden bei höchstens 25 °C; anschließend verwenden oder verwerfen, nicht erneut kühlen. Nicht schütteln, vor Injektion Raumtemperatur annehmen lassen. [1]
Überdosierung und Antidot
In Sepsisstudien erhielten 1.015 Patienten bis 2 mg/kg pro Stunde i.v. über 72 Stunden; keine dosislimitierenden Toxizitäten beobachtet. Bei Überdosierung klinisch überwachen und symptomatisch behandeln. [1]