Certolizumab Pegol
bDMARD · TNF-α-Hemmer · pegyliertes Fab′-Fragment
Kurzzusammenfassung
IndikationenRA · PsA · axSpA · Plaque-Psoriasis; jeweils Erwachsene.
Dosierung400 mg s.c. in Woche 0, 2 und 4, danach 200 mg alle 2 Wochen. Bei RA/PsA nach Ansprechen alternativ 400 mg alle 4 Wochen; bei axSpA beide Erhaltungsschemata möglich.
Gegenanzeigen (Auswahl)Aktive Tbc oder andere schwere Infektionen; Herzinsuffizienz NYHA III/IV.
Besondere SicherheitsmaßnahmenTbc- und HBV-Screening. Mögliche falsch erhöhte aPTT beachten.
Wirkmechanismus

Certolizumab Pegol ist ein humanisiertes, mit Polyethylenglycol verbundenes Fab′-Fragment ohne Fc-Region. Es neutralisiert lösliches und membrangebundenes TNF-α. [1]

Indikationen

Rheumatoide Arthritis: Mittelschwere bis schwere aktive RA nach unzureichendem Ansprechen auf DMARDs einschließlich MTX; außerdem schwere, aktive und fortschreitende RA ohne vorherige MTX- oder andere DMARD-Therapie. Kombination mit MTX; Monotherapie bei MTX-Unverträglichkeit oder wenn eine Fortsetzung von MTX ungeeignet ist. [1]

Psoriasis-Arthritis: Aktive PsA nach unzureichendem Ansprechen auf DMARDs, in Kombination mit MTX. Monotherapie bei MTX-Unverträglichkeit oder wenn MTX nicht fortgesetzt werden kann. [1]

Axiale Spondyloarthritis: Schwere aktive ankylosierende Spondylitis beziehungsweise nicht-röntgenologische axSpA nach unzureichendem NSAR-Ansprechen oder NSAR-Unverträglichkeit. Bei nicht-röntgenologischer axSpA erhöhte CRP-Werte und/oder MRT-Entzündungszeichen erforderlich. [1]

Plaque-Psoriasis: Mittelschwere bis schwere Erkrankung, die für eine systemische Therapie infrage kommen. [1]

Dosierung und Anwendung

Initial: 400 mg s.c. in Woche 0, 2 und 4, jeweils zwei Injektionen zu 200 mg. Danach 200 mg alle 2 Wochen. [2][1]

RA: Nach bestätigtem klinischem Ansprechen alternativ 400 mg alle 4 Wochen. MTX soweit möglich fortführen. [1]

PsA: Nach bestätigtem klinischem Ansprechen alternativ 400 mg alle 4 Wochen. MTX soweit möglich fortführen. Bei peripherer PsA ein bereits vertragenes csDMARD beim Beginn des ersten TNF-Hemmers fortführen. [1][3]

AxSpA: Erhaltung mit 200 mg alle 2 Wochen oder 400 mg alle 4 Wochen. Nach mindestens einem Jahr Behandlung kann bei anhaltender Remission eine Reduktion auf 200 mg alle 4 Wochen erwogen werden. [1]

Plaque-Psoriasis: Nach der Initialphase 200 mg alle 2 Wochen; bei unzureichendem Ansprechen 400 mg alle 2 Wochen erwägen. [1]

Dosisanpassung

Nieren- und Leberfunktionsstörung: Nicht untersucht; keine Dosierungsempfehlung verfügbar. Ab 65 Jahren: Keine Dosisanpassung erforderlich. [1]

Kinder und Jugendliche: Zulassung für Erwachsene; Sicherheit und Wirksamkeit unter 18 Jahren bisher nicht nachgewiesen. [1]

Vor Therapiebeginn

Klinisch: Herzinsuffizienz NYHA III/IV und aktive Infektionen ausschließen; demyelinisierende Erkrankungen und Tumoranamnese erfassen. [2][1]

Impfstatus: Überprüfen und gegebenenfalls aktualisieren. [2]

Tuberkulose: Anamnese, klinische Untersuchung, IGRA und Thorax-Röntgen; aktive Tuberkulose vor einer LTBI-Prävention ausschließen. [4]

LTBI: Präventive Therapie vor Certolizumab beginnen. Kürzere Rifamycin-Schemata bevorzugen: Rifampicin für 4 Monate oder Rifampicin plus Isoniazid für 3 Monate; alternativ Isoniazid für 9 Monate. Wechselwirkungen, Verträglichkeit und Resistenzanamnese berücksichtigen. [4]

Beginn unter LTBI-Prävention: Die gemeinsame Stellungnahme DZK/DGRh/DDG 2021 empfiehlt mindestens 4 Wochen präventive Therapie vor der Immunsuppression. Die S2k-Leitlinie 2022 bezeichnet den frühestmöglichen Start als nicht gesichert und beschreibt 4–8 Wochen als in der Literatur sicher angesehenen Vorlauf. Bei dringlicher Immunsuppression Zeitpunkt interdisziplinär unter Berücksichtigung der Grunderkrankung und des Präventionsverlaufs festlegen. [5][4]

HBV-Screening: HBsAg, Anti-HBc und Anti-HBs; bei HBsAg+ oder Anti-HBc+ zusätzlich HBV-DNA. [6]

HBV-StatusRisiko und Vorgehen
HBsAg+ oder HBsAg−/Anti-HBc+ mit HBV-DNA+ vor TherapiebeginnHoch (>10 %): antivirale Prophylaxe. [7]
HBsAg−/Anti-HBc+; HBV-DNA−Moderat (1–10 %): Überwachung; bei erhöhtem Gesamtrisiko Prophylaxe erwägen. [7]

Gesamtrisiko: Glukokortikoiddosis/-dauer, weitere Immunsuppression sowie Chemo-/Transplantationsregime berücksichtigen. Anti-HBs+ schließt bei Anti-HBc+ eine Reaktivierung nicht aus. Wenn erforderliche HBV-Kontrollen nicht gesichert sind: Prophylaxe. [6][7]

Kontrollen ohne Prophylaxe: bei HBsAg−/Anti-HBc+/HBV-DNA− HBsAg, HBV-DNA und ALT alle 1–3 Monate. Bei neuem DNA-Nachweis oder HBsAg-Reversion sofort antiviral behandeln, vor Hepatitis. [6]

Prophylaxe: Entecavir oder Tenofovir (TDF/TAF) vor Immunsuppression beginnen, währenddessen und danach 6–12 Monate (bei B-Zell-Depletion mindestens 18 Monate) fortführen. Nach Absetzen weiter überwachen; bei eigenständiger HBV-Therapieindikation länger behandeln. [6]

Impfung: Bei HBsAg−/Anti-HBc− und fehlendem Impfschutz möglichst vor Immunsuppression impfen; Schema und Erfolgskontrolle. [6][8]

Sicherheitslabor: Großes Blutbild, GPT und Kreatinin. [2]

Kontrollen

Labor: Großes Blutbild, GPT und Kreatinin nach 2 und 4 Wochen, nach 2 und 3 Monaten, danach nach klinischem Ermessen. BSG/CRP zur Beurteilung der Krankheitsaktivität. [2]

Klinisch: Auf Infektionszeichen, Lymphknotenveränderungen und Lupus-ähnliche Symptome achten. [2] Infektionsüberwachung bis 5 Monate nach Therapieende; regelmäßige Hautuntersuchungen, besonders bei Hautkrebsrisikofaktoren. [1]

Wirkbeginn und Therapiebeurteilung

Wirkbeginn: Nach etwa 2–3 Wochen; bei fehlender Wirkung nach 8–12 Wochen Fortsetzung überprüfen. [2]

Plaque-Psoriasis: Bei fehlendem therapeutischem Nutzen nach 16 Wochen Fortsetzung überprüfen. Bei anfänglichem Teilansprechen kann eine weitere Besserung nach Woche 16 auftreten. [1]

Gegenanzeigen

Herzinsuffizienz NYHA III/IV; aktive Tuberkulose oder andere schwere Infektionen einschließlich Sepsis und opportunistischer Infektionen; Überempfindlichkeit gegen Certolizumab Pegol oder Bestandteile. [1]

Nebenwirkungen und Maßnahmen

Häufig: Bakterielle und virale Infektionen, Leukopenie einschließlich Neutro- und Lymphopenie, Eosinophilie, Kopfschmerzen, Übelkeit, Leberwertanstieg, Exanthem und Reaktionen an der Injektionsstelle. [1]

Schwere Infektion: Pausieren, bis die Infektion unter Kontrolle ist. HBV-Reaktivierung: Pausieren und wirksame antivirale Therapie beginnen. [1]

Demyelinisierende Symptome: Therapie pausieren und neurologisch abklären. [2] Neue oder zunehmende Herzinsuffizienz: Certolizumab absetzen und kardial abklären. [1]

Bestätigte relevante Zytopenie: Beendigung erwägen. Lupus-ähnliches Syndrom: Therapie beenden. [1]

Schwere Überempfindlichkeitsreaktion: Sofort beenden und behandeln. [1]

Wechselwirkungen

Andere Biologika: Kombination nicht empfohlen, insbesondere mit Anakinra oder Abatacept. [2][1]

Gerinnungsdiagnostik: Einige aPTT-Tests einschließlich bestimmter Lupus-Antikoagulans-Testsysteme können falsch erhöhte Werte ergeben. Keine nachgewiesene Auswirkung auf die Gerinnung in vivo; Thrombinzeit und Prothrombinzeit waren nicht beeinflusst. [1]

Tumoranamnese

Solider Tumor in Remission: Bei entzündlicher Arthritis können TNF-Inhibitoren gegenüber anderen zielgerichteten Therapien bevorzugt werden. Dies gilt auch für nichtmelanozytären Hautkrebs; für ein Melanom enthält diese Empfehlung keine entsprechende Therapiepräferenz. [9]

Lymphom in der Anamnese: Bei entzündlicher Arthritis und Tumorremission kann eine B-Zell-depletierende Therapie gegenüber anderen zielgerichteten Therapien bevorzugt werden. [9]

Tumorerkrankung ohne Remission: Therapieentscheidung gemeinsam mit Patient und onkologisch behandelndem Team treffen. [9]

Kinderwunsch, Schwangerschaft und Stillzeit

Schwangerschaft: Während der gesamten Schwangerschaft anwendbar; minimaler bis nicht nachweisbarer plazentarer Transfer. [10]

Stillzeit: Mit dem Stillen vereinbar. [10]

Väterlicher Kinderwunsch: Fortführung möglich. [10]

Säuglingsimpfungen: Tot- und Lebendimpfungen nach regulärem Impfplan. [10]

Fachinformation: Schwangerschaftsanwendung bei klinischer Notwendigkeit; Stillzeit zulässig. Wird vor Konzeption eine Elimination angestrebt, Verhütung bis 5 Monate nach der letzten Dosis. [1]

Fachinformation – Säuglingsimpfungen: Mit Lebendimpfstoffen mindestens 5 Monate nach der letzten mütterlichen Gabe in der Schwangerschaft warten, außer der Nutzen überwiegt das theoretische Risiko deutlich. [1]

Impfungen

Unter Certolizumab: Totimpfstoffe möglich; keine gleichzeitigen Lebendimpfstoffe. [1]

Lebendimpfungen: Mindestens 4 Wochen vor Beginn beziehungsweise frühestens 2 Monate nach Therapieende. [11]

Empfohlene Nichtlebendimpfstoffe

Auswahl für Erwachsene nach Alter, Grunderkrankung, Impfstatus und Gesamtimmunsuppression. [8]

ImpfungIndikation / Schema
InfluenzaJährlich bei Immunsuppression/entsprechender Grunderkrankung oder ab 60 Jahren; inaktivierter Impfstoff, ab 60 Jahren Hochdosis- oder MF59-adjuvantiert.
COVID-19Jährlich bei relevanter Immunsuppression/weiterem Risikofaktor oder ab 75 Jahren, bevorzugt Spätsommer/Frühherbst. Bei ausgeprägter Immundefizienz zusätzliche Dosen/verkürzte Abstände individuell. [12]
Pneumo­kokkenPCV20 bei Immunsuppression/entsprechender Grunderkrankung oder ab 60 Jahren. Nach PCV13/15 ≥1 Jahr; nach PPSV23 ≥6 Jahre, bei ausgeprägter Immundefizienz gegebenenfalls ≥1 Jahr.
Herpes zosterAb 18 Jahren bei Immundefizienz oder schwerer Grunderkrankung; ab 60 Jahren generell. Adjuvantierter Totimpfstoff: 2 Dosen im Abstand von 2–6 Monaten; möglichst vor Immunsuppression.
Hepatitis BBei fehlendem Impfschutz und (geplanter) Immunsuppression. Anti-HBs 4–8 Wochen nach der Impfserie kontrollieren; Ziel ≥100 IE/l.
RSVEinmalig ab 75 Jahren; mit 60–74 Jahren bei schwerer Grunderkrankung/Immundefizienz oder Pflegeheimbewohnenden. Möglichst vor der RSV-Saison.

Weitere Impfungen: Tetanus, Diphtherie, Pertussis, Polio, HPV und altersgemäß Meningokokken-ACWY nach Impfkalender vervollständigen; Hepatitis A, FSME, Meningokokken B und Hib bei zusätzlicher Indikation. Bei Kindern und Jugendlichen altersgerechte STIKO-Schemata verwenden. [8]

Operationen

DGRh: Operation zum Ende des Therapieintervalls planen; nach Unterbrechung abhängig von der Wundheilung baldmöglichst wieder beginnen. [13]

Elektive Hüft- oder Knieendoprothese: Nach ACR/AAHKS bei zweiwöchentlicher Gabe Operation in Woche 3, bei vierwöchentlicher Gabe in Woche 5 nach der letzten Dosis. Wiederbeginn bei ausreichender Wundheilung, entfernten Nähten/Klammern und ohne relevante Schwellung, Rötung, Sekretion oder weitere Infektion; meist nach etwa 14 Tagen. Bedingte Empfehlung. [14]

Alltag und Handhabung

Anwendung: Subkutan in Oberschenkel oder Abdomen; Einstichstellen wechseln. Bei 400 mg zwei Injektionen an verschiedenen Stellen. [1]

Vergessene Dosis: Nachholen, sobald bemerkt; die weiteren Gaben nach ärztlicher Festlegung fortsetzen. [1]

Dokumentation: Handelsname und Charge festhalten; Patientenpass aushändigen. Verkehrstüchtigkeit: Geringer Einfluss möglich, insbesondere durch Schwindel, Sehstörungen oder Müdigkeit. [1]

Handelspräparate, Wirkstärken und Besonderheiten

Cimzia

Wirkstärken und Formen: Fertigspritze und AutoClicks-Fertigpen mit jeweils 200 mg/1 ml; Konzentration 200 mg/ml. Fertigspritze mit Nadelschutzsystem ausschließlich zur Anwendung durch medizinisches Fachpersonal. [1]

Vor der Injektion: Fertigspritze etwa 30 Minuten, Pen 30–45 Minuten auf Raumtemperatur kommen lassen; nicht künstlich erwärmen. Die Nadelhüllen enthalten ein Naturkautschuk-Derivat; Latexüberempfindlichkeit beachten. [1]

Lagerung: 2–8 °C, nicht einfrieren; im Umkarton vor Licht schützen. Einmalig bis zu 10 Tage bei höchstens 25 °C; danach verwenden oder entsorgen. [1]

Überdosierung und Antidot

In klinischen Studien wurde keine dosislimitierende Toxizität beobachtet. Verabreicht wurden Mehrfachdosierungen bis 800 mg s.c. beziehungsweise 20 mg/kg i.v. Bei Überdosierung engmaschig auf unerwünschte Wirkungen überwachen und symptomatisch behandeln. [1]

Quellen und Links

Quellennummern gelten innerhalb dieses Medikamentenkapitels. DGRh-Therapieinformationen: jeweils unten genannter Originalstand.