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Colchicin

Antiinflammatorikum · Mikrotubuli-Hemmung

Kurzzusammenfassung

Indikationen

Gichtanfall und Anfallsprophylaxe bei Beginn einer Harnsäuresenkung · FMF. CPPD und Behçet-Syndrom (Off-Label).

Dosierung

Gichtanfall: 0,5 mg 2–3× täglich; höchstens 6 mg je Behandlungszyklus; neuer Zyklus frühestens 72 Stunden nach Ende des vorherigen.
Prophylaxe: 0,5–1 mg/Tag. FMF: Erwachsene initial meist 1–1,5 mg/Tag, nach Ansprechen bis 3 mg/Tag.
[1][2]

Gegenanzeigen (Auswahl)

Schwere Nieren- oder Leberfunktionsstörung; Störungen des Blutbilds.[2]

Besondere Sicherheitsmaßnahmen

Geringe therapeutische Breite. Bei Erbrechen oder Diarrhö sofort absetzen und Toxizität abklären. Interaktionen vor jeder Neuverordnung prüfen; besonders Clarithromycin, Azole und Ciclosporin.[2]

Wirkmechanismus

Tubulinbindung und Hemmung der Mikrotubuli-Funktion; Beeinflussung neutrophiler Entzündungsreaktionen. Antiinflammatorische Wirkung; die Harnsäuresenkung erfolgt durch eine separate Therapie.[2]

Indikationen

Indikation

Anwendungsbereich

Gicht

Akuter Gichtanfall bei Erwachsenen; Anfallsprophylaxe während der Einleitung einer uratsenkenden Therapie.

Familiäres Mittelmeerfieber (FMF)

Erwachsene, Kinder und Jugendliche: Prävention von Fieberschüben und Amyloidose.

Anwendungsgebiete von Colchicin-ratiopharm, Colchicin AL und Colchicin Zentiva 0,5 mg. [2][3][4][5]

Colxi – kardiovaskuläre Indikation: Zusätzlich zur Standardtherapie zur Prophylaxe ischämischer kardiovaskulärer Ereignisse bei Erwachsenen mit atherosklerotischer koronarer Herzerkrankung und kürzlich stattgehabtem Myokardinfarkt. Eigenes Dosisschema und Gegenanzeigen; siehe Handelspräparate. [5]

Off-Label-Anwendungen

CPPD (Off-Label): Anfallsprophylaxe und chronische CPP-Kristallarthritis; niedrig dosiertes Colchicin als Option.[6]

Behçet-Syndrom (Off-Label): Colchicin als Erstlinienoption bei rezidivierenden mukokutanen und artikulären Manifestationen nach EULAR-Update 2025. Organbedrohende Manifestationen gesondert behandeln.[7]

Dosierung und Anwendung

Indikation

Dosis und Dauer

Akuter Gichtanfall

0,5 mg 2–3× täglich; je nach Präparat gegebenenfalls initial 1 mg. Möglichst früh beginnen. Gesamtdosis einschließlich Anfangsdosis maximal 6 mg je Zyklus. Beenden bei abgeklungenem Anfall, früher bei gastrointestinalen Beschwerden oder ausbleibender Besserung nach 2–3 Tagen. Neuer Zyklus frühestens 72 Stunden nach dem Ende des vorherigen.[8][2]

Gicht-Anfallsprophylaxe

0,5–1 mg täglich, laut FI abends. Deutsche S3: bei Einleitung eines Xanthinoxidasehemmers für 3–6 Monate erwägen; bei Febuxostat empfiehlt dessen FI mindestens 6 Monate.[8][2][9]

FMF

EULAR/PReS: initial meist 1–1,5 mg/Tag; FI-Erwachsenenbereich 1–3 mg/Tag. Schrittweise nach Krankheitskontrolle und Verträglichkeit steigern; mindestens eine Woche zwischen Steigerungen. Bei Tagesdosen >1 mg Aufteilung auf zwei Einnahmen möglich. Langfristige kontinuierliche Behandlung; im FMF-Schub die reguläre Tagesdosis fortführen.[1][2]

CPPD-Prophylaxe / chronische CPP-Arthritis

0,5–1 mg/Tag (Off-Label); Organfunktion und Interaktionen berücksichtigen.[6]

Gicht-Zyklus und FMF-Dauertherapie: Die 6-mg-Gesamtgrenze und die 72-Stunden-Zykluspause betreffen die akute Gichtbehandlung. Bei FMF gilt das kontinuierliche Tagesdosisschema.[1][2]

Tabletten mit einem Glas Wasser einnehmen. Die konkret verordnete Tages- beziehungsweise Zyklusdosis schriftlich festhalten.[2]

Pädiatrische Dosierungen – FMF

Alter

Anfangsdosis

Unter 5 Jahren

0,5 mg täglich.

5–10 Jahre

1 mg täglich.

Über 10 Jahre

1,5 mg täglich.

Pädiatrisch-fachärztliche Steuerung. Bei amyloider Nephropathie nennt die FI erforderlichenfalls bis zu 2 mg/Tag; EULAR/PReS nennt für Kinder eine Höchstdosis von 2 mg/Tag. Für eine erforderliche 0,25-mg-Dosis eine geeignete Darreichung wählen; die hier genannten Tabletten sind dafür ungeeignet. Gichtzulassung: Erwachsene.[1][2]

Behçet-Syndrom – eigenständiges Dauerregime

Mukokutaner / artikulärer Befall (Off-Label): EULAR empfiehlt Colchicin als Erstlinienoption.[7]

Anwendung

Regime und Einordnung

In kontrollierter Studie verwendetes Regime

1–2 mg/Tag p.o., körpergewichtsangepasst; untersucht bei Erwachsenen mit mukokutaner Erkrankung ohne Augen- oder schwere Organbeteiligung. Dauerregime, angepasst an Verträglichkeit und Organfunktion.[10]

Die Dosisangabe stammt aus der randomisierten Studie, die Therapiewahl aus dem EULAR-Update. Bei Nieren-/Leberfunktionsstörung oder interagierender Medikation Dosis und Alternative gesondert festlegen; die nachstehenden FI-Tabellen sind indikationsbezogen für Gicht und FMF.[11][7][10]

Dosisanpassung

Konstellation

Dosis / Konsequenz

Gicht: leichte bis mittelschwere Nieren- oder Leberfunktionsstörung

0,5 mg/Tag; engmaschige Prüfung auf Toxizität.

FMF: leichte bis mittelschwere Nieren- oder Leberfunktionsstörung

Anfangsdosis um 50 % reduzieren, beispielsweise auf ≤1 mg/Tag; weitere Steuerung nach Ansprechen und Verträglichkeit.

Schwere Nieren- oder Leberfunktionsstörung

Kontraindiziert. Die DGRh nennt für die Nierenfunktion eine GFR <30 ml/min als Ausschlussgrenze.

Hohes Alter / Gebrechlichkeit

Dosierung anhand von Organfunktion, Komedikation und Verträglichkeit; erhöhte Aufmerksamkeit für Toxizität.

Die Tabelle betrifft die Gicht- und FMF-Regime der genannten rheumatologischen Präparate. DGRh-Nierengrenze ergänzend; das Colxi-Regime steht unter Handelspräparate. [11][2][5]

Vor Therapiebeginn

Interaktionsprüfung: einschließlich kurzfristiger Antibiotika-/Antimykotikatherapien, antiviraler Medikamente, Statine und pflanzlicher Präparate. Nieren- und Leberfunktion, Blutbildstörungen und vorausgegangene neuromuskuläre Beschwerden erfassen.[2]

DGRh-Basislabor: Differenzialblutbild, Kreatinin, AST/ALT, CK; CRP beziehungsweise BSG und Harnsäure entsprechend der Indikation.[11]

Aufklärung: Absetzzeichen bei gastrointestinaler Toxizität, Muskelschwäche und Blutbildstörung; kindersichere Aufbewahrung.[11][2]

Kontrollen

Zeitpunkt / Anlass

Kontrolle

Erste 3 Monate

Etwa alle 4 Wochen: Differenzialblutbild, ALT, γ-GT, CK und Kreatinin; Aktivitätsparameter nach Grunderkrankung.[11]

Stabile normale Werte ab Monat 4

Etwa alle 8–12 Wochen; kürzere Intervalle bei Organfunktionsänderung, relevanter Komedikation oder Beschwerden.[11][2]

FMF-Verlauf

Schubfrequenz, Einnahmetreue, CRP und bevorzugt Serum-Amyloid A; Proteinurie mindestens jährlich prüfen. Dosissteigerung beziehungsweise ergänzende Therapie bei fortbestehender Entzündung fachärztlich steuern.[1]

Neue Muskelschwäche, Myalgien oder dunkler Urin

CK und Nierenfunktion zeitnah prüfen; Myopathie/Rhabdomyolyse abklären.[11][2]

FMF: Leberenzyme >2× obere Normgrenze

Nach EULAR/PReS Colchicindosis reduzieren und Ursachen fachärztlich abklären; auch unzureichend kontrollierte FMF-Entzündung kann Leberwerte erhöhen. Bei Toxizitätszeichen gelten die Absetzregeln unten. [1]

Wirkbeginn und Therapiebeurteilung

Beim akuten Gichtanfall Wirkung innerhalb von Stunden zu erwarten; ausbleibende Besserung nach 2–3 Tagen führt zur Beendigung des Zyklus und klinischen Neubewertung.[11][2]

Bei FMF stehen Schubkontrolle und Unterdrückung der subklinischen Entzündung im Vordergrund. Vor Eskalation Einnahmetreue und maximal verträgliche Dosis prüfen; bei unzureichender Kontrolle ergänzende IL-1-Hemmung erwägen.[1]

Therapieunterbrechung und Absetzen

Erbrechen, Diarrhö oder andere Toxizitätszeichen: Colchicin sofort absetzen, Einnahmedosis und Komedikation klären; Blutbild, Organfunktion und Elektrolyte nach klinischer Situation kontrollieren. Bei Überdosierungsverdacht umgehende Krankenhausabklärung.[2]

Fieber, Stomatitis, Halsschmerzen oder anhaltende Blutungen: sofort unterbrechen und vollständige hämatologische Abklärung. Progrediente Nieren-/Leberfunktionsstörung oder neuromuskuläre Toxizität: unterbrechen und Therapie neu bewerten.[11][2]

Gegenanzeigen

Überempfindlichkeit gegen Colchicin oder Bestandteile; Störungen des Blutbilds, schwere Nierenfunktionsstörung oder schwere Leberfunktionsstörung.[2]

Colxi zusätzlich: Gleichzeitige Behandlung mit starken P-gp- oder starken CYP3A4-Inhibitoren ist laut eigener FI kontraindiziert, unabhängig von der Organfunktion. Die FI nennt eGFR <30 ml/min als schwere Nierenfunktionsstörung. [5]

Nebenwirkungen und Maßnahmen

Befund

Einordnung / Maßnahme

Abdominalschmerz, Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö

Häufig. Als mögliche frühe Toxizität werten; absetzen und abklären.

Knochenmarkdepression, Myopathie/Rhabdomyolyse, Neuropathie, Lebertoxizität

Häufigkeit in der FI nicht quantifiziert. Therapie unterbrechen; gezielte Blutbild-, Organ- beziehungsweise neuromuskuläre Diagnostik.

Vitamin-B12-Mangel, Alopezie, Oligo-/Azoospermie

Bei entsprechendem klinischem Befund abklären; Therapie und Dosis individuell bewerten.

Häufigkeitszuordnung nach der Fachinformation; Maßnahmen zusätzlich nach DGRh.[11][2]

Wechselwirkungen

Kombination

Konsequenz

CYP3A4-/P-gp-Inhibitoren
z. B. Clarithromycin, Ketoconazol/Itraconazol, Ritonavir, Ciclosporin, Verapamil, Diltiazem

Erhöhte Colchicinexposition bis zur lebensbedrohlichen Toxizität. Bei eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion diese Kombinationen vermeiden. Bei erhaltener Organfunktion erforderlichenfalls Colchicindosis reduzieren und engmaschig überwachen; Alternativmedikation bevorzugt prüfen.

Statine, Fibrate, Ciclosporin, Digoxin

Erhöhtes Myopathie-/Rhabdomyolyserisiko; neue Muskelbeschwerden unmittelbar abklären.

Grapefruitsaft

Während der Behandlung meiden.

CYP3A4: Cytochrom-P450-Isoenzym 3A4; P-gp: P-Glykoprotein.[2]

Colxi: Für starke P-gp-/CYP3A4-Inhibitoren gilt die oben genannte Gegenanzeige; das Dosisreduktionsvorgehen der Gicht-/FMF-Präparate ist darauf nicht übertragbar. [5]

Kinderwunsch, Schwangerschaft und Stillzeit

Schwangerschaft: Mit der Schwangerschaft vereinbar, üblicherweise 1–2 mg/Tag; bei FMF Therapie fortführen. [12]

Stillzeit: Mit dem Stillen vereinbar. [12]

Väterlicher Kinderwunsch: Fortführung möglich. [12]

Fachinformation – FMF: Anwendung in der Schwangerschaft nach Nutzen-Risiko-Abwägung; in der Stillzeit zwischen Stillen und Therapie anhand des jeweiligen Nutzens entscheiden. Bei männlichem Kinderwunsch individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung. [2]

Fachinformation – Gicht: Schwangerschaftsanwendung nur bei ungeeigneten Behandlungsalternativen erwägen. Kontrazeption für Frauen während und mindestens 3 Monate danach; Zeugung während und mindestens 6 Monate danach vermeiden. Anwendung in der Stillzeit vermeiden. [2]

Impfungen

STIKO-empfohlene Impfungen können unter Colchicin erfolgen. Zusätzliche Einschränkungen durch begleitende Immunsuppressiva berücksichtigen.[11]

Empfohlene Nichtlebendimpfstoffe

Auswahl für Erwachsene nach Alter, Grunderkrankung, Impfstatus und Gesamtimmunsuppression. [13]

Impfung

Indikation / Schema

Influenza

Jährlich bei Immunsuppression/entsprechender Grunderkrankung oder ab 60 Jahren; inaktivierter Impfstoff, ab 60 Jahren Hochdosis- oder MF59-adjuvantiert.

COVID-19

Jährlich bei relevanter Immunsuppression/weiterem Risikofaktor oder ab 75 Jahren, bevorzugt Spätsommer/Frühherbst. Bei ausgeprägter Immundefizienz zusätzliche Dosen/verkürzte Abstände individuell. [14]

Pneumo­kokken

PCV20 bei Immunsuppression/entsprechender Grunderkrankung oder ab 60 Jahren. Nach PCV13/15 ≥1 Jahr; nach PPSV23 ≥6 Jahre, bei ausgeprägter Immundefizienz gegebenenfalls ≥1 Jahr.

Herpes zoster

Ab 18 Jahren bei Immundefizienz oder schwerer Grunderkrankung; ab 60 Jahren generell. Adjuvantierter Totimpfstoff: 2 Dosen im Abstand von 2–6 Monaten; möglichst vor Immunsuppression.

Hepatitis B

Bei fehlendem Impfschutz und (geplanter) Immunsuppression. Anti-HBs 4–8 Wochen nach der Impfserie kontrollieren; Ziel ≥100 IE/l.

RSV

Einmalig ab 75 Jahren; mit 60–74 Jahren bei schwerer Grunderkrankung/Immundefizienz oder Pflegeheimbewohnenden. Möglichst vor der RSV-Saison.

Weitere Impfungen: Tetanus, Diphtherie, Pertussis, Polio, HPV und altersgemäß Meningokokken-ACWY nach Impfkalender vervollständigen; Hepatitis A, FSME, Meningokokken B und Hib bei zusätzlicher Indikation. Bei Kindern und Jugendlichen altersgerechte STIKO-Schemata verwenden. [13]

Operationen

UKCPA: Colchicin perioperativ fortführen; präoperatives Blutbild. Nach vorübergehend fehlender enteraler Zufuhr zur nächsten regulären Dosis wieder beginnen. Postoperativ Nieren-/Leberfunktion und neue Interaktionen, insbesondere Makrolide, prüfen.[15]

Alltag und Handhabung

Einnahmeplan nach Indikation; vorhandene prophylaktische Einnahmen bei einer Akutverordnung mit erfassen. Schriftliche Zyklusbegrenzung bei Gicht. Außerhalb der Reichweite von Kindern aufbewahren.[11][2]

Handelspräparate, Wirkstärken und Besonderheiten

Colchicin-ratiopharm 0,5 mg Tabletten

0,5 mg je Tablette; akute Gicht, Anfallsprophylaxe bei Beginn der Harnsäuresenkung und FMF. Akutregime: 0,5 mg 2–3× täglich, gegebenenfalls zuvor 1 mg. 59 mg Lactose-Monohydrat je Tablette; für 0,25-mg-Dosen ungeeignet. In der Originalverpackung vor Licht schützen.[2]

Colchicin AL 0,5 mg Tabletten

0,5 mg je Tablette; Gicht, Anfallsprophylaxe und FMF. Die FI nennt das niedrig dosierte Akutregime und 6 mg als maximale Gesamtdosis je Zyklus. Lactosehaltig.[3]

Colchicin Zentiva 0,5 mg Tabletten

0,5 mg je Tablette; Gicht, Anfallsprophylaxe und FMF. Die FI beschreibt beim Gichtanfall initial 1 mg, danach 0,5 mg 2–3× täglich; Gesamtdosis höchstens 6 mg je Zyklus und mindestens 72 Stunden Abstand nach Zyklusende.[4]

Colxi 0,5 mg Filmtabletten

Eigenständige kardiovaskuläre Indikation nach Myokardinfarkt; keine Gicht-/FMF-Zulassung in dieser FI. 0,5 mg einmal täglich, Höchstdosis 0,5 mg/Tag. Bei bestätigter koronarer Herzerkrankung Beginn innerhalb von 3 Tagen, spätestens 30 Tage nach Infarkt. Unzerkaut mit Wasser, unabhängig von Mahlzeiten. Gegenanzeigen und Interaktionen nach der eigenen Fachinformation. [5]

Überdosierung und Antidot

Medizinischer Notfall – auch zunächst ohne Beschwerden. Sofort absetzen, umgehende ärztliche beziehungsweise toxikologische Abklärung und Krankenhausüberwachung. Gastrointestinale Beschwerden können dem Multiorganversagen vorausgehen. Supportive Behandlung; Hämodialyse entfernt Colchicin nicht wirksam, ein spezifisches Antidot steht nicht zur Verfügung.[2]