Filgotinib
JAKi
Filgotinib
Wirkmechanismus [FI 5.1/5.2]
Oraler, ATP-kompetitiver, reversibler JAK-Inhibitor mit bevorzugter JAK1-Hemmung; vermindert die JAK/STAT-vermittelte Signalübertragung entzündlicher Zytokine. Der aktive Metabolit GS-829845 weist in vitro eine etwa zehnfach geringere inhibitorische Potenz bei ähnlicher JAK1-Präferenz auf; beide tragen zur Wirkung bei.
Zugelassene Indikationen [FI 4.1]
- Rheumatoide Arthritis: mäßige bis schwere aktive RA bei Erwachsenen nach unzureichendem Ansprechen oder Unverträglichkeit gegenüber mindestens einem DMARD; als Monotherapie oder mit Methotrexat.
- Colitis ulcerosa: mittelschwere bis schwere aktive CU bei Erwachsenen nach unzureichendem Ansprechen, Wirkverlust oder Unverträglichkeit gegenüber einer konventionellen Therapie oder einem Biologikum.
Vor Therapiebeginn [FI 4.2–4.4; DGRh 01/2023]
- Einleitung durch in RA bzw. CU erfahrene Ärzt. Aktive Infektion ausschließen; chronische/rezidivierende und frühere schwere/opportunistische Infektionen sowie Aufenthalte in TB-/Mykose-Endemiegebieten erfassen.
- Ab 65 Jahren, bei atherosklerotischer kardiovaskulärer Erkrankung/weiteren CV-Risiken einschließlich aktueller oder früherer langjähriger Rauchexposition sowie bei Malignitätsrisiken nur anwenden, wenn keine geeigneten Alternativen verfügbar sind.
- Weitere VTE-Risiken: frühere VTE, größere Operation, Immobilisation, kombinierte hormonelle Kontrazeption/HRT, erbliche Gerinnungsstörung; besondere Vorsicht.
- TB-Screening: DGRh bevorzugt IGRA und Thorax-Röntgen ≤3 Monate. Bei latenter TB antimykobakterielle Behandlung vor Filgotinib beginnen; nach DGRh möglichst 4 Wochen vorher. Die FI legt keinen festen Abstand fest.
- Virushepatitis: Screening und Reaktivierungsüberwachung nach geltenden Leitlinien. Studienausschlüsse: HBsAg-positiv oder HBV-DNA nachweisbar; Anti-HCV-positiv zusammen mit nachweisbarer HCV-RNA. Positive Befunde hepatologisch/infektiologisch einordnen.
- Befundinterpretation: Anti-HCV+/RNA− grundsätzlich ohne aktuelle HCV-Infektion; bei frischer Exposition/klinischem Verdacht erneut RNA prüfen. Bei HBsAg−/Anti-HBc+ Reaktivierungsrisiko berücksichtigen; bei isoliertem Anti-HBc (HBsAg−/Anti-HBs−) HBV-DNA zur Abklärung einer okkulten Infektion. Monitoring bzw. antivirales Vorgehen nach HBV-Status und Gesamtimmunsuppression festlegen. [CDC; FI 4.4]
- Basislabor nach DGRh: BSG, CRP, großes Blutbild, AST/GOT, ALT/GPT, Kreatinin, Gesamtcholesterin, LDL, HDL, Triglyzeride. Startgrenzen siehe „Unterbrechung / Abbruch“.
- Impfstatus einschließlich Zoster-Prävention aktualisieren; Schwangerschaftsstatus und zuverlässige Kontrazeption klären.
Kontrollen [FI 4.2/4.4; DGRh 01/2023]
- DGRh-Labor: BSG und/oder CRP, großes Blutbild, AST/ALT in den ersten 3 Monaten etwa alle 4 Wochen, bei stabil normalen Werten danach alle 8–12 Wochen. Zusätzliche Kontrollen durch Begleitmedikation berücksichtigen.
- Lipide: nach 12 Wochen, danach gemäß Hyperlipidämie-Leitlinien; DGRh anschließend etwa halbjährlich.
- Infektionen während und nach Therapie überwachen; TB-Symptome auch bei negativem Ausgangsscreening. VTE-Risiko regelmäßig neu beurteilen; regelmäßige Hautuntersuchungen, besonders bei erhöhtem Hautkrebsrisiko.
- Nierenfunktion nach klinischer Situation erneut beurteilen und Dosierung anhand der CrCl überprüfen. [Praktische Konsequenz aus FI 4.2]
Dosierung [FI 4.2]
Indikation / PatientengruppeDosierung
RA – Regeldosis
200 mg einmal täglich.
RA – ≥65 Jahre oder erhöhtes VTE-/MACE-/Malignitätsrisiko
100 mg einmal täglich; bei unzureichender Kontrolle Steigerung auf 200 mg möglich. Langfristig niedrigste wirksame Dosis.
CU – Induktion
200 mg einmal täglich, zunächst 10 Wochen; bei unzureichendem Nutzen weitere 12 Wochen möglich.
CU – Erhaltung
200 mg einmal täglich; ≥65 Jahre oder erhöhtes VTE-/MACE-/Malignitätsrisiko: 100 mg einmal täglich, bei Schub ggf. 200 mg. Langfristig niedrigste wirksame Dosis.
CU – höheres Alter
Ab 65 Jahren reguläre Induktion 200 mg/Tag, Erhaltung 100 mg/Tag; ab 75 Jahren nicht empfohlen.
CrCl ≥60 ml/min
Keine nierenbedingte Anpassung.
CrCl 15 bis <60 ml/min
100 mg einmal täglich, auch bei CU-Induktion und -Erhaltung; keine Steigerung auf 200 mg gemäß FI vorgesehen.
CrCl <15 ml/min
Nicht untersucht; nicht empfohlen.
Leberfunktion
Child-Pugh A/B: keine Anpassung; Child-Pugh C: nicht untersucht, nicht empfohlen.
- Oral mit oder ohne Nahrung; Tabletten unzerteilt schlucken. Teilen, Zerkleinern und Kauen nicht untersucht.
- Versäumte Dosis: möglichst bald nachholen. Nach einem ganzen Tag (24 Stunden) ohne Einnahme vergessene Dosis auslassen und übliche Einzeldosis nehmen; keine doppelte Dosis. [Gebrauchsinformation, Abschnitt 3]
- Unter 18 Jahren Sicherheit und Wirksamkeit nicht belegt; keine zugelassene pädiatrische Anwendung.
- Abweichung DGRh 01/2023: dort altersbezogene 100-mg-Anfangsdosis erst ab 75 Jahren; aktuelle FI bei RA bereits ab 65 Jahren. Alters-/Risikobeschränkungen aus FI 4.4 zusätzlich zur Dosiswahl beachten.
Unterbrechung / Abbruch [FI 4.2/4.4; DGRh]
BefundVorgehen
ANC <1.000/µl (= <1 × 10⁹/l)
Nicht beginnen bzw. pausieren; Wiederbeginn >1.000/µl.
ALC <500/µl (= <0,5 × 10⁹/l)
Nicht beginnen bzw. pausieren; Wiederbeginn >500/µl.
Hb <8 g/dl
Nicht beginnen bzw. pausieren; Wiederbeginn >8 g/dl.
Schwere Infektion
Unterbrechen, bis kontrolliert.
Sonstige Infektion ohne Ansprechen auf Standard-Antimikrobiotika
Vorübergehend unterbrechen; Wiederbeginn nach Kontrolle der Infektion.
Herpes zoster
Pausieren, bis die Episode abgeklungen ist.
VTE-Verdacht
Bereits bei Verdacht absetzen, unabhängig von der Dosis; unverzüglich abklären.
Schwangerschaft
Absetzen und umgehend ärztlich abklären. [FI 4.3/4.6; Gebrauchsinformation]
- Nach Zytopenie verlangt die FI Wiederanstieg über die genannten Schwellen; DGRh 01/2023 formuliert „normalisiert“. Ursache und Verlauf berücksichtigen.
- Perioperativ: vor größeren planbaren Eingriffen 3–4 Tage pausieren; baldmöglichster Wiederbeginn bei regelrechten Wundverhältnissen und unter Beachtung der Infektionssituation. [DGRh perioperativ 2021/2022]
Therapiebeurteilung [FI 4.2; DGRh 01/2023]
- RA: Wirkungseintritt laut DGRh nach etwa einer Woche möglich; bei fehlender Besserung nach 12 Wochen Fortführung kritisch überprüfen.
- CU: Nutzen nach 10 Wochen bewerten; ggf. verlängerte Induktion. Bei keinerlei therapeutischem Nutzen nach insgesamt 22 Wochen absetzen.
Kontraindikationen [FI 4.3]
Überempfindlichkeit gegen Filgotinib oder einen sonstigen Bestandteil; aktive Tuberkulose oder aktive schwere Infektionen; Schwangerschaft.
Weitere Anwendungsbeschränkungen, Start-/Pausenschwellen und nicht empfohlene Anwendung bei CrCl <15 ml/min bzw. Child-Pugh C siehe entsprechende Abschnitte. [FI 4.2/4.4]
Nebenwirkungen – Auswahl [FI 4.8]
HäufigkeitNebenwirkungen
Häufig (≥1/100 bis <1/10)
Infektionen der oberen Atemwege, Harnwegsinfektionen, Lymphopenie, Schwindel (Dizziness), Übelkeit, erniedrigtes Phosphat.
Gelegentlich (≥1/1.000 bis <1/100)
Herpes zoster, Pneumonie, Sepsis, Neutropenie, Hypercholesterinämie, Vertigo, erhöhte CK/CPK.
- Häufigkeiten aus den gepoolten placebokontrollierten RA-Studien bis Woche 12 unter 200 mg; CU-Sicherheitsprofil im Allgemeinen vergleichbar.
- Schwere/opportunistische Infektionen möglich; Pneumonie häufigste schwere Infektion. TB, ösophageale Candidose und Kryptokokkose berichtet. [FI 4.4/4.8]
- Zoster-Risiko in RA-Studien laut FI offenbar höher bei Frauen, asiatischen Patient, Alter ≥50 Jahren, früherem Zoster, chronischer Lungenerkrankung und 200 mg täglich. [FI 4.4]
- MACE, Malignome und VTE: JAK-Sicherheitswarnungen und Risikobeschränkungen beachten. Die vergleichende randomisierte Sicherheitsstudie der FI untersuchte Tofacitinib; die regulatorischen Einschränkungen gelten auch für Filgotinib. [FI 4.4]
- Kreatinin-/Lipid-/CK-Anstiege und meist milde, vorübergehende Phosphatabfälle beschrieben; klinisch relevante Abweichungen ursachenbezogen beurteilen.
Wechselwirkungen [FI 4.4/4.5/5.2; DGRh 01/2023]
- Kombination mit anderen JAK-Inhibitoren, Biologika oder starken Immunsuppressiva wie Ciclosporin/Tacrolimus nicht empfohlen; additive Immunsuppression. DGRh rät zusätzlich ausdrücklich von Azathioprin ab.
- CES2-Hemmung durch Fenofibrat, Carvedilol, Diltiazem oder Simvastatin in vitro; klinische Relevanz unbekannt, keine festgelegte Dosisanpassung.
- CYP2B6-Induktion nicht ausgeschlossen; CYP1A2-Effekt unklar. Vorsicht bei CYP1A2-Substraten mit enger therapeutischer Breite.
- Bei Rifampicin oder Itraconazol keine Dosisanpassung erforderlich. [FI 5.2, Tabelle 9]
- Ethinylestradiol/Levonorgestrel ohne relevante PK-Veränderung; keine Anpassung der Kontrazeptivadosis. Das zusätzliche VTE-Risiko kombinierter hormoneller Kontrazeption berücksichtigen.
Besondere Hinweise / Schwangerschaft / Stillzeit [FI 4.4/4.6; EULAR Reproduktion; STIKO]
- Impfungen: Lebendimpfstoffe während oder unmittelbar vor Therapie nicht empfohlen. STIKO 2026: rekombinanter adjuvantierter Zoster-Totimpfstoff ab 18 Jahren bei erhöhter Gefährdung, ausdrücklich auch unter JAK-Inhibitoren.
- Schwangerschaft: kontraindiziert; zuverlässige Kontrazeption während und mindestens 1 Woche nach Absetzen. Tierexperimentell Reproduktionstoxizität; Humandaten fehlen bzw. sind begrenzt.
- Stillzeit: nicht anwenden; Übergang in menschliche Milch unbekannt, Risiko für das Kind nicht ausgeschlossen.
- Männliche Fertilität: tierexperimentell Störungen von Spermatogenese/Fertilität. MANTA/MANTA-RAy: Männer 21–65 Jahre mit normalen Ausgangs-Spermaparametern, 200 mg/Tag versus Placebo; ≥50 % Abnahme der Spermienkonzentration in Woche 13 bei 8/120 (6,7 %) versus 10/120 (8,3 %). Kein Nachweis umfassender reproduktiver Sicherheit. [FI 4.6; MANTA/MANTA-RAy]
- Männlicher Kinderwunsch: wegen sehr begrenzter Daten zu Schwangerschaftsausgängen Wechsel auf eine Alternative erwägen. [EULAR Reproduktion, III/3]
- Lactose: 76 mg pro 100-mg-Tablette bzw. 152 mg pro 200-mg-Tablette; bei hereditärer Galactoseintoleranz, vollständigem Lactasemangel oder Glucose-Galactose-Malabsorption nicht einnehmen. [FI 2/4.4]
- Bei Schwindel/Vertigo keine Fahrzeuge führen oder Maschinen bedienen. [FI 4.7; Gebrauchsinformation]
- Lagerung: Originalverpackung zum Feuchtigkeitsschutz, Flasche fest verschlossen; keine besondere Temperaturbedingung. [FI 6.4]
Überdosierung [FI 4.9]
Klinisch und auf Nebenwirkungen überwachen; supportive Behandlung einschließlich Kontrolle der Vitalparameter. Dialysierbarkeit unbekannt. In Studien Einzel-/Mehrfachdosen bis 450 mg ohne dosislimitierende Toxizität; keine Unbedenklichkeitsgrenze für Überdosierungen.
Quellen und Links
KürzelQuelle
FI
Jyseleca – EMA; englische Produktinformation. EMA-Dokumentaktualisierung 10.06.2025; geprüft 10.09.2026.
DGRh 01/2023
Therapie mit Filgotinib – Arztinformation, Januar 2023.
DGRh perioperativ
Albrecht et al. Perioperativer Umgang mit der Therapie von Patienten mit entzündlich rheumatischen Erkrankungen. Z Rheumatol 2022;81:212–224, Empfehlung 9.
EULAR Reproduktion
Rüegg et al. EULAR recommendations for use of antirheumatic drugs in reproduction, pregnancy, and lactation: 2024 update. Ann Rheum Dis 2025;84:910–926, Tabelle 1, III/3.
MANTA/MANTA-RAy
Reinisch et al. Effects of filgotinib on semen parameters and sex hormones in male patients with inflammatory diseases. Ann Rheum Dis 2023;82:1049–1058; geprüfter Abstract.
STIKO 2026
STIKO-Empfehlungen 2026, Epidemiologisches Bulletin 4/2026, Tabelle 2, Herpes zoster.
CDC
HCV-Befundinterpretation; HBV-Screening 2023, insbesondere isoliertes Anti-HBc.
Referenzpräparat: Jyseleca 100 mg und 200 mg Filmtabletten. Fachlicher Prüfstand: 10.09.2026 · Vorlagenabgleich: 11.09.2026
Diese Seite ist eine redaktionelle Zusammenfassung für Fachkreise. Sie ersetzt weder die Fachinformation noch die ärztliche Therapieentscheidung im Einzelfall.