Gicht Langfassung
Langfassung
Grundlagen: DGRh 2024
Ergänzend: ACR Gicht 2020 · ACR/EULAR-Gichtklassifikationskriterien 2015 · EULAR Kristallbildgebung 2023 · DGRh Wechselwirkung 2023 · NICE Gicht 2022
Diagnostik und Klassifikation
- Anfall: akute stark schmerzhafte, gerötete Mono-/Oligoarthritis; häufig Podagra; Schmerzmaximum <24 Stunden
- Verlauf: selbstlimitierende frühere Anfälle; bei chronischem Verlauf Tophi
- Punktat: nadelförmige, stark negativ doppelbrechende MSU-Kristalle
- Bildgebung: sonographisch Doppelkonturzeichen/Tophi; DECT-Uratablagerungen
- Serumurat: häufig erhöht; im akuten Anfall auch normal
Diagnosesicherung
- Anamnese, Gelenkbefall, Verlauf, Rötung/Schwellung/Überwärmung, Tophi und Serumurat gemeinsam bewerten
- Nadelförmige, stark negativ doppelbrechende MSU-Kristalle im Gelenk-/Bursapunktat oder Tophusmaterial; fachrheumatologisch hoher Stellenwert
- Normales Serumurat während eines Anfalls möglich; bei fortbestehendem Verdacht erneute Messung im Intervall
- Sonographie: Doppelkonturzeichen und Tophi; unspezifische Aggregate allein kein sicherer Nachweis
- DECT bei entsprechender Fragestellung; Artefakte an Nägeln/Haut, kleine Fehlpixel, Bewegung und Gefäße berücksichtigen
- Röntgen für Differenzialdiagnosen und fortgeschrittene Schäden: ausgestanzte Erosionen, sklerotischer Rand, überhängende Kanten
- Bei gichttypischer Sonographie/DECT Kristallmikroskopie nicht in jeder Konstellation zur Bestätigung erforderlich; gleichzeitige septische Arthritis damit nicht ausgeschlossen.
- Eintritt: mindestens eine Episode mit Schmerz, Schwellung oder Druckschmerz eines peripheren Gelenks oder einer Bursa
- Hinreichend: MSU-Kristalle im jemals symptomatischen Gelenk/Bursa oder Tophus; keine zusätzliche Punkteberechnung erforderlich
- Sonst je Domäne die höchste jemals erfüllte Kategorie; Kategorien derselben Domäne nicht addieren
Klinische Domäne: Punkte
Sprunggelenk/Mittelfuß bei Mono-/Oligoarthritis ohne MTP-I-Beteiligung: 1
MTP-I-Beteiligung bei Mono-/Oligoarthritis: 2; ersetzt die vorangehende Kategorie
Anfallsmerkmale: Rötung, Berührung/Druck nicht toleriert, erhebliche Geh-/Gebrauchseinschränkung: 1 / 2 / 3 bei einem / zwei / drei Merkmalen
Typischer Zeitverlauf: mindestens zwei aus Schmerzmaximum <24 h, Rückbildung ≤14 Tage, vollständige Rückkehr zum Ausgangszustand zwischen Episoden: 1 bei einer typischen Episode; 2 bei wiederholten typischen Episoden
Klinischer Tophus an typischer Stelle: 4
Labor/Bildgebung: Punkte
Serumurat <4 mg/dl: −4 Punkte
Serumurat 4–<6 mg/dl: 0 Punkte
Serumurat 6–<8 mg/dl: 2 Punkte
Serumurat 8–<10 mg/dl: 3 Punkte
Serumurat ≥10 mg/dl: 4 Punkte
MSU-negatives Punktat eines jemals symptomatischen Gelenks/einer Bursa, qualifiziert untersucht: −2 Punkte; nicht untersucht: 0 Punkte
Doppelkonturzeichen oder DECT-Uratnachweis an jemals symptomatischem Gelenk/Bursa: 4 Punkte insgesamt, nicht pro Verfahren
Mindestens eine typische Erosion im Röntgen von Händen/Füßen: 4 Punkte
- Nicht erfüllte klinische Kategorien und fehlende Bildgebung: 0 Punkte
- Serumurat: höchsten verfügbaren Wert; möglichst ohne Harnsäuresenker und >4 Wochen nach Anfallsbeginn bestimmt, ggf. in dieser Situation nachmessen
- Erosion: kortikaler Defekt mit sklerotischem Rand und überhängender Kante; DIP-Befall und „gull-wing“-Muster hierfür nicht werten
- ≥8 von maximal 23 Punkten: Klassifikation erfüllt; Diagnose klinisch
- SUGAR-Validierung n=330: Sensitivität 92 %, Spezifität 89 %; klinische Variante ohne Mikroskopie/Bildgebung 85 % / 78 %.
Therapie
Akuter Anfall
- Colchicin, NSAR oder Glukokortikoid; früh nach Anfallsbeginn
- Wenige betroffene Gelenke → intraartikuläres Glukokortikoid nach Infektionsausschluss
- Supportiv Schonung, Hochlagerung und Kühlung
- Keine Besserung nach 24–72 Stunden: Diagnose einschließlich Infektion, Einnahme, Dosis/Organanpassung und Therapiealternative prüfen
- Canakinumab bei ≥3 Anfällen/Jahr und ungeeigneten Standardtherapien
Colchicin · Therapiebeginn im Anfall / Prophylaxe bei Beginn der Harnsäuresenkung
Cave: Clarithromycin/Ciclosporin → lebensbedrohliche Intoxikation
- Colchicin – Anfall: 0,5 mg p.o. 2–3-mal täglich; maximal 6 mg pro Zyklus; erneuter Zyklus frühestens nach 72 Stunden
- Colchicin – Anfallsprophylaxe: 0,5–1 mg p.o. täglich
- Nieren-/Leberfunktionsstörung: leicht/mittelschwer 0,5 mg/d; schwer: KI; Diarrhö/Erbrechen → Absetzen
Prednisolon · Therapiebeginn im Anfall
- Prednisolon: 30 mg p.o. morgens für 5 Tage; akuter Gichtanfall
Intraartikuläre Glukokortikoide · Lokale Anfallstherapie bei Mono-/Oligoarthritis
Cave: Gelenk-/punktionsnahe Infektion; keine intratendinöse Injektion
Triamcinolonacetonid – Erwachsene, Einzeldosis pro Gelenk:
Gelenk: Dosis i.a.
- Finger-/Zehengelenk: bis 10 mg
- Schulter-/Ellenbogengelenk: 20 mg
- Hüft-/Kniegelenk: 20–40 mg
- Mehrere Gelenke: insgesamt bis 80 mg pro Sitzung
- Für kleine Dosen Suspension mit 10 mg/ml; Erguss vor Injektion aspirieren
- Erneute Injektion frühestens nach 3–4 Wochen; höchstens 3–4 Injektionen pro Gelenk/Jahr
- Triamcinolonacetonid-FI, Abschnitte 4.1–4.4
Etoricoxib · Therapiebeginn im Anfall
- Etoricoxib: 120 mg p.o. einmal täglich, maximal 8 Tage; akuter Gichtanfall
Canakinumab · Reserve bei ungeeigneten Standardoptionen
- Canakinumab: 150 mg s.c. einmalig; bei Ansprechen Wiederholung frühestens nach 12 Wochen
- Auswahl: ≥3 Anfälle/Jahr; NSAR/Colchicin ungeeignet oder unzureichend wirksam; wiederholte GK-Kurse ungeeignet
Harnsäuresenkung und Prophylaxe
- Indikation: einschränkender/beeinträchtigender Anfall, >1 Anfall/Jahr oder tophöse Gicht; bereits nach erstem Anfall Optionen und individuelles Risiko besprechen
- Kardiovaskuläre Komorbidität: Allopurinol bevorzugt, Febuxostat als Alternative
- Zielwert trotz maximal verträglicher Allopurinoldosis verfehlt oder Allopurinol unverträglich: Febuxostat erwägen
- Niereninsuffizienz: Allopurinol niedrig beginnen und angepasst steigern; Febuxostat bei leichter/mittlerer Einschränkung ohne Dosisreduktion, bei CrCl <30 ml/min unzureichend untersucht
- Azathioprin/6-Mercaptopurin: Kombination mit Xanthinoxidasehemmern möglichst vermeiden; Einzelheiten im Medikamentenblock
- Ziel <6 mg/dl, bei Tophi <5 mg/dl erwägen; Anfälle, Tophi und Funktion mitbeurteilen
- DEGAM-Sondervotum: klinischer Verlauf und individuelle Gichtlast; keine generelle Zielwertstrategie
- Beginn: DGRh 2024 → innerhalb der ersten 14 Tage nach Anfallsbeginn möglich; FI abweichend: Allopurinol/Febuxostat erst nach vollständigem Abklingen des Anfalls
- Bei Anfall unter Harnsäuresenkung: Harnsäuresenker fortführen, Anfall zusätzlich antientzündlich behandeln
- Bei maximal verträglicher/zulässiger Xanthinoxidasehemmer-Therapie und weiter unzureichender Wirkung oder Unverträglichkeit Urikosurikum erwägen; Kombination mit Xanthinoxidasehemmer möglich
- Einleitungsprophylaxe mit niedrig dosiertem Colchicin oder geeignetem NSAR 3–6 Monate; unter Febuxostat mindestens 6 Monate, weitere Dauer nach Anfällen/Restdepots
- Harnsäuresenkung langfristig fortführen
- Asymptomatische Hyperurikämie: keine routinemäßige medikamentöse Harnsäuresenkung allein zur Gichtprävention – ACR Gicht 2020
Xanthinoxidasehemmer · Allopurinol, Febuxostat · Harnsäuresenkende Dauertherapie
Cave: Azathioprin/6-Mercaptopurin → potenziell lebensbedrohliche Myelosuppression
- Allopurinol: initial 100 mg p.o./d; Dosis bis zum Harnsäureziel steigern; >300 mg/d auf mehrere Einzeldosen verteilen
- Chronische Niereninsuffizienz ab Stadium 3: initial 50 mg/d erwägen – ACR Gicht 2020; anschließend Titration nach Serumurat und Verträglichkeit
- 50-mg-Dosis: z. B. ½ Tablette Allopurinol Heumann 100 mg; laut FI, Abschnitt 3 in gleiche Dosen teilbar
- Schwere Niereninsuffizienz: auch 100 mg in Abständen >1 Tag möglich; bei verfügbarer Spiegelmessung Oxipurinol <100 µmol/l – Allopurinol-FI, Abschnitt 4.2
- Febuxostat: 80 mg p.o. einmal täglich; Serumurat >6 mg/dl nach 2–4 Wochen → 120 mg/d erwägen
- Allopurinol: HLA-B*58:01-Test insbesondere bei Han-chinesischer, thailändischer oder koreanischer Abstammung erwägen; positiv → Alternative bevorzugen; SJS/TEN/DRESS → dauerhaft absetzen; keine erneute Gabe
- Febuxostat: nach Myokardinfarkt, Schlaganfall oder bei instabiler Angina pectoris besondere Vorsicht und regelmäßige Kontrollen; CrCl <30 ml/min: unzureichend untersucht – Febuxostat-FI, Abschnitte 4.2/4.4
Kombination: Vorgehen
Allopurinol/Oxipurinol/Thiopurinol + Azathioprin/6-MP: Kombination möglichst vermeiden; bei erforderlicher Kombination Thiopurin auf 25 % der Ausgangsdosis reduzieren; engmaschiges Blutbild
Febuxostat + Azathioprin/6-MP: Kombination nicht empfohlen
Urikosurika · Benzbromaron, Probenecid · Alternative / Ergänzung bei unzureichender Xanthinoxidasehemmer-Therapie
- Benzbromaron: initial 25 mg p.o. täglich → 50–100 mg/d; Beginn frühestens 2 Wochen nach Anfallsbeginn und nach Symptomlinderung
- Probenecid: Woche 1: 250 mg p.o. zweimal täglich; danach 500 mg zweimal täglich; CrCl <50 ml/min: KI
- Begleitmaßnahmen: Flüssigkeit und Urinalkalisierung nach Organfunktion
- Interaktionen: MTX-Kombination meiden – DGRh Wechselwirkung 2023; Baricitinib bei Erwachsenen auf 2 mg/d – FI; Dosisanpassungen
Lebensstil und Komorbiditäten
- Gewichtsreduktion bei Übergewicht; ausgewogene, pflanzenbetonte Ernährung; Fleisch, Alkohol und mit Fruktose angereicherte Lebensmittel/Getränke reduzieren
- Hypertonie, Diabetes, Dyslipidämie, CKD und kardiovaskuläre Erkrankungen erfassen und behandeln
- Schleifen-/Thiaziddiuretika: Indikation und mögliche Alternativen prüfen
- Für eine bestimmte Gichtdiät ist eine Reduktion der Anfälle nicht ausreichend belegt
- Indizierte niedrig dosierte ASS nicht allein wegen Gicht absetzen.
Patienteninformation: IQWiG: Ernährung, Gewicht und Alkohol bei Gicht · Broschüre Gicht zum Ausdrucken, 16 Seiten, Stand 2022
Monitoring und Sicherheit
Verlaufskontrollen
- Serumurat während der Titration monatlich bis Zielerreichung (NICE Gicht 2022); unter Febuxostat erste Kontrolle nach 2 Wochen möglich, bei Zielverfehlung Dosissteigerung nach 2–4 Wochen – Febuxostat-FI, Abschnitt 4.2
- Ziel <6 mg/dl, bei Tophi <5 mg/dl erwägen; Dosisanpassung mit Organfunktion und Verträglichkeit abstimmen
Spezifisches Medikamentenmonitoring
- Colchicin: Diarrhö/Erbrechen oder neuromuskuläre Beschwerden → sofort pausieren, Toxizität abklären
Weitere Kontrollen und Dosisanpassungen: Medikamentenübersicht
Quellen und Links
DGRh 2024: Diagnostik und Therapie der Gicht. DGRh/AWMF S3-Leitlinie 060-005, Version 2024, Langfassung 2.1. Langfassung; Zeitschriftenpublikation 2025.
ACR Gicht 2020: 2020 American College of Rheumatology Guideline for the Management of Gout. FitzGerald et al.; Arthritis Care Res 2020;72:744–760.
ACR/EULAR-Gichtklassifikationskriterien 2015: 2015 Gout Classification Criteria: an American College of Rheumatology/European League Against Rheumatism Collaborative Initiative. Neogi et al.; Arthritis Rheumatol 2015;67:2557–2568.
EULAR Kristallbildgebung 2023: 2023 EULAR recommendations on imaging in diagnosis and management of crystal-induced arthropathies in clinical practice.
DGRh Wechselwirkung 2023: Bewertung von Wechselwirkungen und Dosierungsempfehlungen von synthetischen DMARDs – Evidenz- und konsensbasierte Empfehlungen auf Basis einer systematischen Literatursuche. Fiehn et al.; Z Rheumatol 2023;82:151–162.
NICE Gicht 2022: Gout: diagnosis and management. NICE Guideline NG219, 9 June 2022. Volltext bei NCBI Bookshelf. Empfehlung 1.5.5: monatliche Serumuratkontrollen während der Titration.
Baricitinib-FI: Baricitinib: EU-Produktinformation, Abschnitte 4.2–4.5.
- Triamcinolonacetonid-FI: Januar 2025, Abschnitte 4.1–4.4
- IQWiG: Was kann ich selbst tun, um Gichtanfällen vorzubeugen?
- IQWiG: Broschüre Gicht, Stand 12.01.2022; Downloadseite
- Führend: DGRh/AWMF S3 „Diagnostik und Therapie der Gicht“, 060-005, Version 2024, Langfassung 2.1; Langfassung. Empfehlungen 1.1–7.2. DEGAM-Sondervotum zu den Empfehlungen 4.5/4.6
- EULAR-Bildgebung bei Kristallarthropathien, 2023, insbesondere Diagnosesicherung und Infektionsabklärung
- ACR/EULAR-Gichtklassifikation 2015; Originalvolltext über ACR; Originalrechner
- Ergänzend: ACR-Managementleitlinie 2020; ACR-Leitlinienseite
- Allopurinol, deutsche FI 11/2024
- Allopurinol, deutsche FI 05/2026
- Colchicin, deutsche FI 07/2025
- Etoricoxib, deutsche Fachinformation
- Canakinumab – EMA-Produktseite und Produktinformation
- Febuxostat – EMA-Produktseite und Produktinformation
- Benzbromaron, deutsche FI 02/2020
- Probenecid, deutsche FI 10/2018
- Weitere Fachinformationen: Celecoxib, FI 4.3–4.5, Prednisolon, FI 4.3–4.5, Anakinra, FI 4.2–4.4.
- Azathioprin – deutsche Fachinformation, Abschnitt 4.5
Leitlinien und weiterführende Quellen
Diese redaktionelle Zusammenfassung unterstützt die fachliche Orientierung. Sie ersetzt weder die Originalleitlinie noch die ärztliche Entscheidung im Einzelfall.