Großgefäßvaskulitiden: Riesenzellarteriitis (GCA) und Takayasu-Arteriitis (TAK)
Diagnostik und Klassifikation
Ausführliche Informationen anzeigenWeniger anzeigen
Klinische Abklärung und Fast-Track
- GCA-Verdacht fachärztlich innerhalb 24 Stunden beurteilen; kraniale Ischämie, Amaurosis fugax oder akuter Visusverlust → sofortige rheumatologische und ophthalmologische Versorgung
- Bei starkem GCA-Verdacht GK unmittelbar beginnen und Bestätigungsdiagnostik parallel organisieren; weder Bildgebung noch Biopsie abwarten
- Bei den meisten TAK-Verdachtsfällen ohne Notfall zunächst Diagnose fachärztlich sichern
- Anamnese: Gefäß-/Sehsymptome, PMR, Fieber/Gewichtsverlust, Thorax-/Rücken-/Bauchschmerz, Claudicatio; kardiovaskuläre Vorgeschichte
- Untersuchung: Pulse und Strömungsgeräusche, Blutdruck beidseits, Temporalarterien, Zeichen einer Extremitäten-/Organischämie; bei Armgefäßstenosen verlässlichen Messort festlegen
- CRP/BSG, Blutbild/Thrombozyten, Nieren-/Leberwerte; weiterführende Diagnostik nach Befund. Normale Entzündungswerte schließen Aktivität nicht sicher aus
- Differenzialdiagnosen: Atherosklerose, andere entzündliche/infektiöse Aortitiden, nichtentzündliche Vasculopathien; bei PMR-Symptomen entsprechende Mimics.
Bildgebung und Biopsie
| Situation | Bevorzugtes Vorgehen |
|---|---|
| GCA-Verdacht | Sonographie Temporal- und Axillararterien bei ausreichender Expertise |
| Kraniale GCA, Sonographie nicht geeignet/verfügbar | Hochauflösende MRT oder FDG-PET als Alternativen |
| Vermutete extrakraniale GCA | FDG-PET; MRT oder CT als Alternativen zur Beurteilung von Wandentzündung und/oder Lumenschäden |
| TAK-Verdacht | MRT/MRA als erste Bildgebung; FDG-PET, CT oder Sonographie als Alternativen je Fragestellung. Sonographie nur begrenzt für die thorakale Aorta |
| Unklare oder widersprüchliche Befunde | Weitere Bildgebung und/oder Temporalarterienbiopsie nach Phänotyp und klinischer Wahrscheinlichkeit |
- Bei hoher klinischer Wahrscheinlichkeit und eindeutig positiver Bildgebung kann die GCA-Diagnose ohne zusätzliche Biopsie gestellt werden; bei niedriger Wahrscheinlichkeit und negativer Bildgebung eher unwahrscheinlich
- Alle übrigen Konstellationen benötigen weitere diagnostische Abklärung; negative Sonographie bei hoher Wahrscheinlichkeit kein Abschlussbefund
- Bildgebung möglichst vor, sonst innerhalb 72 Stunden nach GK-Beginn; die Untersuchung darf den dringlichen Therapiebeginn nicht verzögern
- Konventionelle Angiographie nicht zur primären Vaskulitisdiagnostik; gegebenenfalls für Interventionen.
ACR/EULAR-GCA-Klassifikationskriterien 2022
ACR/EULAR-GCA-Klassifikationskriterien 2022 berechnen
Voraussetzungen: diagnostizierte Mittel-/Großgefäßvaskulitis, relevante Mimics ausgeschlossen und Alter ≥50 Jahre bei Diagnose. Dann Items addieren; jede Tabellenzeile höchstens einmal.
| Merkmal | Punkte |
|---|---|
| Positive Temporalarterienbiopsie oder temporales Halo in der Sonographie | 5 |
| Maximale BSG ≥50 mm/h oder CRP ≥10 mg/l vor Behandlung | 3 |
| Plötzlicher Visusverlust | 3 |
| Morgensteifigkeit der Schultern/des Nackens | 2 |
| Kiefer- oder Zungenclaudicatio | 2 |
| Neuer temporaler Kopfschmerz | 2 |
| Kopfhautempfindlichkeit | 2 |
| Pathologische Temporalarterie bei Untersuchung | 2 |
| Bilaterale Axillarbeteiligung in der Bildgebung | 2 |
| FDG-PET-Aktivität entlang der thorakalen Aorta descendens und der abdominalen Aorta | 2 |
- Pathologische Temporalarterie: reduzierter/fehlender Puls, Druckschmerz oder verhärteter strangförmiger Befund
- Bilateraler Axillarbefall: beidseitige Lumenschäden wie Stenose, Okklusion oder Aneurysma in geeigneter Angiographie/Sonographie, beidseitiges Halo oder beidseitige pathologische FDG-Aufnahme
- Aortales PET-Item: pathologische Aufnahme, z. B. über Leberniveau, in beiden genannten Aortenabschnitten; einzelne fokale aortale FDG-Aufnahme genügt nicht
- ≥6 Punkte: GCA klassifiziert; kein pauschales zusätzliches Item „Gefäßbildgebung +3“.
ACR/EULAR-TAK-Klassifikationskriterien 2022
ACR/EULAR-TAK-Klassifikationskriterien 2022 berechnen
Voraussetzungen: diagnostizierte Mittel-/Großgefäßvaskulitis, relevante Mimics ausgeschlossen, Alter ≤60 Jahre bei Diagnose und bildgebender Vaskulitisnachweis. Alter genau 60 Jahre eingeschlossen.
| Merkmal | Punkte |
|---|---|
| Weibliches Geschlecht | 1 |
| Angina pectoris | 2 |
| Arm- oder Beinclaudicatio | 2 |
| Arterielles Strömungsgeräusch | 2 |
| Verminderter Puls der oberen Extremität | 2 |
| Verminderter Karotispuls oder Karotisdruckschmerz | 2 |
| Systolische Blutdruckdifferenz zwischen den Armen ≥20 mmHg | 1 |
| Anzahl betroffener arterieller Territorien: 1 / 2 / ≥3 | 1 / 2 / 3; nur eine Kategorie |
| Symmetrischer Befall eines paarigen arteriellen Territoriums | 1 |
| Abdominale Aorta und Nieren- oder Mesenterialarterien betroffen | 3 |
- Für die Territorienzahl neun Regionen: thorakale Aorta, abdominale Aorta, Mesenterialarterien sowie jeweils rechte/linke Karotis-, Subklavia- und Nierenarterien
- Für Territorienzahl, paarig-symmetrischen und kombinierten abdominellen Befall zählen definierte Lumenschäden wie Stenose, Okklusion oder Aneurysma
- Paarig-symmetrisch: Karotis-, Subklavia- oder Nierenarterien; 1 Punkt, unabhängig von der Anzahl betroffener Paare
- ≥5 Punkte: TAK klassifiziert. Die Altersvoraussetzung begrenzt die Klassifikation, nicht die klinische Diagnose.
Therapie
Ausführliche Informationen anzeigenWeniger anzeigen
Therapiebeginn
- GK zur Induktion; Beginn und Reduktion nach Krankheitsaktivität und Organbedrohung
Glukokortikoide (GK) · Prednisolon, Methylprednisolon · Therapiebeginn · Remissionsinduktion
- Prednisolon: initial 40–60 mg p.o. täglich; Reduktion nach Krankheitskontrolle
- Akuter Visusverlust bei GCA: Methylprednisolon 250–1.000 mg i.v. täglich für bis zu 3 Tage erwägen; sofortige ophthalmologische Versorgung
GCA: Auswahl der adjuvanten Therapie
- Tocilizumab oder Upadacitinib zusätzlich zu GK erwägen, besonders bei Rezidiv/Refraktärität oder erhöhtem GK-Nebenwirkungsrisiko
- Auswahl nach Infektionen, Divertikulitis/Perforationsrisiko, CV-/VTE-/Tumorrisiken, Vortherapie und Präferenz; JAK-Risikoselektion vor UPA
- Bei bekannten CV-Erkrankungen, VTE-Risiko oder Malignomanamnese TCZ häufig günstiger einzuordnen; auch TCZ benötigt individuelle Infektions-/GI-Risikoprüfung
- MTX als Alternative, etwa wenn die gezielten Optionen ungeeignet oder nicht verfügbar sind; geringere und heterogenere Evidenz
- Mit Tocilizumab/Upadacitinib: Ausschleichen der Glukokortikoide über 26 Wochen in den Zulassungsstudien
- Optimale Dauer der adjuvanten Therapie nicht gesichert; Absetzen gewöhnlich erst nach GK-Reduktion erwägen. TCZ eher ausschleichen als abrupt beenden; bei hohem Rezidivrisiko Fortführung über ein Jahr erwägen
- TNFi bei GCA nicht empfohlen
Tocilizumab · GK-Einsparung · adjuvante Therapie · TAK (Off-Label)
Cave: Divertikulitis / Perforationsrisiko, Mechanistische CRP-Suppression
- Tocilizumab – GCA: 162 mg s.c. einmal wöchentlich + ausschleichende GK; anschließend Monotherapie möglich
- Tocilizumab – TAK: 162 mg s.c. einmal wöchentlich oder 8 mg/kg i.v. alle 4 Wochen; (Off-Label)
Upadacitinib · GK-Einsparung · adjuvante Therapie
Cave: MACE-/Malignom-/VTE-Risiko; Auswahlbeschränkungen
- Upadacitinib: 15 mg Retard p.o. einmal täglich; GCA; + ausschleichende GK; anschließend Monotherapie möglich
- Nur ohne geeignete Alternative: ≥65 Jahre; aktuelles/früheres langjähriges Rauchen; erhöhtes kardiovaskuläres-/Malignomrisiko
- VTE-Risiko: besondere Vorsicht
- Upadacitinib – FI: starke CYP3A4-Hemmer → 15 mg/d mit Vorsicht; Grapefruit vermeiden
- Weitere Interaktionen / Organfunktion: substanzbezogene Anpassungen
Methotrexat (MTX) · GK-Einsparung · Alternative · (Off-Label)
Cave: CrCl <30 ml/min: KI
- Methotrexat (MTX) – GCA: 15–20 mg s.c. einmal wöchentlich; (Off-Label) (EULAR 2025, Erläuterung zu Empfehlung 7)
- Methotrexat (MTX) – TAK: etwa 0,3 mg/kg p.o./s.c. einmal wöchentlich; (Off-Label)
- Folsäure: Supplementation zu MTX
- DGRh Wechselwirkung 2023: Cotrimoxazol in antibiotischer Therapiedosis meiden; PJP-Prophylaxe mit 160/800 mg dreimal wöchentlich bei niedrig dosiertem MTX möglich; Interaktionen und Kontrollen
- DGRh Wechselwirkung 2023: unter Penicillinen MTX pausieren; Metamizol und Probenecid meiden; weitere Interaktionen
- Nierenfunktion – DGRh Wechselwirkung 2023: bei GFR ≤45 ml/min von MTX abraten; FI: CrCl 30–59 ml/min → 50 % der Dosis, <30 ml/min → kontraindiziert; Dosisanpassung
TAK: adjuvante Therapie und Eskalation
- Nichtbiologisches DMARD als adjuvanten Bestandteil für TAK vorsehen: MTX, Azathioprin, MMF oder Leflunomid nach individueller Eignung
- Neue GK-Induktion bei aktiver Erkrankung; Gefäßschäden und entzündliche Aktivität unterscheiden
- Rezidiv/Refraktärität trotz csDMARD → Tocilizumab oder TNFi erwägen; Verlauf wesentlich anhand der Bildgebung bewerten
- Rituximab und Abatacept keine gleichrangigen EULAR 2025-Standardalternativen; besondere Rescue-Entscheidungen im Expertisezentrum
- Leflunomid bleibt eine mögliche csDMARD-Option; der 2026 veröffentlichte TACTIC-RCT zeigte keine Überlegenheit beim primären Remissionsendpunkt.
Azathioprin · GK-Einsparung · adjuvante Therapie · (Off-Label)
Cave: Xanthinoxidasehemmer → verstärkte Thiopurinwirkung / schwere Myelosuppression
- Azathioprin: 2–3 mg/kg p.o. täglich; publiziertes TAK-Regime maximal 150 mg/d; (Off-Label)
- Allopurinol/Oxipurinol/Thiopurinol: Azathioprin auf 25 % der Ausgangsdosis reduzieren; engmaschiges Blutbild
- Febuxostat: Kombination nicht empfohlen
Mycophenolat-Mofetil (MMF) · GK-Einsparung · adjuvante Therapie · (Off-Label)
- Mycophenolat-Mofetil (MMF): 1 g p.o. zweimal täglich; TAK; (Off-Label)
Leflunomid · GK-Einsparung · adjuvante Therapie · (Off-Label)
- Leflunomid: 20 mg p.o. einmal täglich; TAK; (Off-Label)
- Interaktionen – FI: Rosuvastatin höchstens 10 mg/d; unter Vitamin-K-Antagonisten INR engmaschiger; weitere Interaktionen
- Nierenfunktion: mäßige/schwere Einschränkung laut EU-FI kontraindiziert; DGRh Wechselwirkung 2023 empfiehlt unveränderte Dosis; Quellenunterschied
TNFi · Infliximab, Adalimumab, Etanercept · Nach unzureichender Wirksamkeit von csDMARDs · (Off-Label)
Cave: schwere Herzinsuffizienz (NYHA III/IV)
- Infliximab: 5 mg/kg i.v. alle 6–8 Wochen nach Aufsättigung; TAK; (Off-Label)
- Adalimumab: 40 mg s.c. alle 2 Wochen; TAK; (Off-Label)
- Etanercept: 50 mg s.c. einmal wöchentlich; TAK; (Off-Label)
Rezidiv, Gefäßintervention und Begleitmaßnahmen
- Major-Relaps: ischämische Symptome/Zeichen oder aktive Großgefäßentzündung mit strukturellen Veränderungen → wie aktive Neuerkrankung behandeln
- Minor-Relaps ohne Organbedrohung: GK mindestens auf die letzte wirksame Dosis erhöhen beziehungsweise wiederbeginnen; anschließend individuell reduzieren
- Isolierte PMR-Symptome bei GCA können einem Minor-Relaps entsprechen; aktive Gefäßentzündung und andere Ursachen zuvor bewerten
- Refraktärer/atypischer Verlauf → Diagnose überprüfen und Expertisezentrum einbeziehen
- Elektive endovaskuläre/rekonstruktive Intervention in stabiler Remission; Dissektion, kritische Ischämie und drohende Ruptur sofort gefäßmedizinisch beurteilen
- ASS/Antikoagulation bei eigenständiger kardiovaskulärer, zerebrovaskulärer oder thrombotischer Indikation; keine routinemäßige GCA-bedingte Verordnung
- Blutdruck, Lipide, Glukose, Rauchen und Bewegung adressieren; Osteoporose-/Sturzrisiko und GK-Protektion berücksichtigen.
Monitoring und Sicherheit
Ausführliche Informationen anzeigenWeniger anzeigen
Erkrankung und Gefäßschäden
- Kontrollintervalle nach Aktivität, Therapieänderung, Organrisiko und Krankheitsdauer; keine durch EULAR 2025 vorgegebene starre universelle Frequenz
- Bei jeder Kontrolle Gefäß-/Sehsymptome, PMR, Allgemeinsymptome, Pulse/Blutdruck, klinische Entzündung und GK-Toxizität
- Bei Relapsverdacht Sonographie, FDG-PET oder MRT nach Fragestellung, besonders bei unzuverlässigen Entzündungswerten
- GCA: MRA/CTA/Sonographie zur langfristigen strukturellen Überwachung individuell, insbesondere an zuvor entzündeten Gefäßabschnitten
- TAK: Bildgebung zur Aktivität und zum Schaden bei allen Patienten; keine Beschränkung auf symptomatische CRP-Anstiege
- Persistierende FDG-Aufnahme oder Wandveränderung: Entzündung, Gefäßumbau und bleibenden Schaden unterscheiden
- Aortenaneurysma/-dilatation, Stenosen und Organischämie im Langzeitverlauf berücksichtigen.
Spezifisches Medikamentenmonitoring
- IL-6Ri: klinische Aktivität und Infektionszeichen trotz mechanistischer CRP-Suppression beurteilen
- Leflunomid: Blutdruck vor Beginn und regelmäßig im Verlauf
Weitere Kontrollen und Dosisanpassungen: Tocilizumab · Upadacitinib · Medikamentenübersicht
Screening und Prävention
Infektionsscreening, Impfungen und Reproduktionsplanung
Quellen und Links
- 2025 EULAR recommendations for the management of polymyalgia rheumatica and primary large vessel vasculitis. Mukhtyar et al.; Ann Rheum Dis, publiziert 2026, Empfehlungen 1–12, Abbildungen 2–3 und Erläuterungen
- EULAR recommendations for the use of imaging in large vessel vasculitis in clinical practice: 2023 update. Dejaco et al.; Ann Rheum Dis 2024;83:741–751, Grundprinzipien und Empfehlungen 1–8
- 2022 American College of Rheumatology/EULAR Classification Criteria for Giant Cell Arteritis. Ponte et al., Abbildung 1 einschließlich Fußnoten
- 2022 American College of Rheumatology/EULAR Classification Criteria for Takayasu Arteritis. Grayson et al., Abbildung 1 einschließlich Fußnoten
- 2018 Update of the EULAR recommendations for the management of large vessel vasculitis. Hellmich et al.; Ann Rheum Dis 2020;79:19–30. Keine aus der Streichung des separaten Statements 2025 abgeleitete neue Routine-ASS-Indikation
- French recommendations for the management of Takayasu’s arteritis. Orphanet J Rare Dis 2021, Abschnitte 4.3.2.2– 4.3.2.4; nicht führend für die aktuellen GK-Zielzeiten