Polymyalgia rheumatica (PMR) Langfassung
Langfassung
Entzündliches Schulter-/Beckengürtelsyndrom im höheren Lebensalter; klinische Diagnose mit systematischer Abklärung einer begleitenden Riesenzellarteriitis.
Grundlagen: EULAR 2025 · DGRh 2025
Diagnostik und Klassifikation
Klinische Abklärung
- Schulter-/Hüftschmerz, Morgensteifigkeit, Alltagsfunktion und systemische Symptome dokumentieren; objektive Muskelschwäche von schmerzbedingter Einschränkung unterscheiden
- CRP/BSG, Blutbild, CK, TSH, Leber-/Nierenwerte; RF/ACPA und weitere Untersuchungen nach Differenzialdiagnose
- GCA-Symptome aktiv erfragen: neuer Kopfschmerz, Kopfhautempfindlichkeit, Kiefer-/Zungenclaudicatio, Sehstörung, Extremitätenclaudicatio
- Bei GCA-Verdacht Fast-Track und Temporal-/Axillarsonographie; bei starkem Verdacht sofortige Therapie während der Diagnosesicherung
- Mimics: spät beginnende RA, CPPD, degenerative Schulter-/Hüfterkrankung, Myositis, Hypothyreose, Infektion und Malignom; Zusatzdiagnostik konstellationsabhängig
- Bei den meisten PMR-Verdachtsfällen fachärztliche Beurteilung vor GK-Beginn; schneller GK-Effekt unterstützt, bestätigt aber die Diagnose nicht
- Atypischer/refraktärer Verlauf → Diagnose erneut prüfen, gegebenenfalls Expertisezentrum.
Eingang: Alter ≥50 Jahre, beidseitiger Schulterschmerz und abnormes CRP und/oder BSG; Symptome nicht besser durch eine andere Erkrankung erklärt. Die Kriterien wurden für neu aufgetretene Beschwerden entwickelt und dienen der Klassifikation.
Klinisches Merkmal: Punkte
Morgensteifigkeit >45 Minuten: 2
Hüftschmerz oder eingeschränkte Hüftbeweglichkeit: 1
RF und ACPA negativ: 2
Keine weiteren Gelenkschmerzen: 1
Ohne Ultraschall: ≥4 von maximal 6 Punkten. Ein positiver RF- oder ACPA-Befund erfüllt das gemeinsame Negativitätsitem nicht.
Zusätzlicher Ultraschallbefund: Punkte
Mindestens eine Schulter mit subdeltoider Bursitis, Bizeps-Tenosynovitis oder Glenohumeralsynovitis und mindestens eine Hüfte mit Synovitis oder Trochanterbursitis: 1
Beide Schultern jeweils mit subdeltoider Bursitis, Bizeps-Tenosynovitis oder Glenohumeralsynovitis: 1
- Beide Ultraschallzeilen dürfen bei Erfüllung addiert werden; keine Mehrfachpunkte für mehrere Läsionen innerhalb einer Zeile
- Mit Ultraschall: ≥5 von maximal 8 Punkten
- Originalvalidierung: ohne US Sensitivität 68 %, Spezifität 78 %; mit US 66 % / 81 %
- Klassifikation ersetzt die klinische Diagnose nicht; PMR setzt keine nachgewiesene Vaskulitis voraus.
Therapie
Therapiebeginn
- Prednisolon 15–25 mg/d; Dosis nach Krankheitslast, Komorbiditäten und Rezidivrisiko
- Prednisolon: initial 15–25 mg p.o. morgens; bei Kontrolle auf 10 mg/d innerhalb 4–8 Wochen
- Weiteres Ausschleichen: −1 mg alle 4 Wochen bei Remission
GK-Risiko / unzureichende Wirksamkeit
- Relevante GK-Nebenwirkungen/-risiken, wiederholte Rezidive oder unzureichende Kontrolle → steroid-sparende Therapie erwägen
- Ausgewählte neu aufgetretene PMR: Tocilizumab zusätzlich zu GK erwägbar; (Off-Label) – Indikation PMR. MTX als Alternative
- Ausgewählte rezidivierende/refraktäre PMR: Sarilumab bevorzugt; Tocilizumab alternativ (Off-Label). MTX als Alternative, etwa bei ungeeigneter oder nicht verfügbarer IL-6-Hemmung
- Sarilumab-Zulassung: Erwachsene mit unzureichendem GK-Ansprechen oder Rezidiv während des Ausschleichens
- Nationale S2e: Rituximab als ausgewählte Alternative, begrenzte Daten, (Off-Label) – PMR; kein gleichrangiger Routine-Biologikastandard
- Dauer der adjuvanten Therapie nicht ausreichend definiert; Absetzen frühestens im Kontext einer erreichten GK-freien klinischen Remission erwägen.
Sarilumab · Nach GK-Versagen / Rezidiv beim Ausschleichen
Cave: Divertikulitis / Perforationsrisiko, Mechanistische CRP-Suppression
- Sarilumab: 200 mg s.c. alle 2 Wochen + ausschleichende GK; anschließend Monotherapie möglich; unzureichendes GK-Ansprechen / Rezidiv beim Ausschleichen
Tocilizumab · GK-Einsparung · Alternative · (Off-Label)
Cave: Divertikulitis / Perforationsrisiko, Mechanistische CRP-Suppression
- Tocilizumab: 162 mg s.c. einmal wöchentlich oder 8 mg/kg i.v. alle 4 Wochen; + ausschleichende GK; (Off-Label)
Methotrexat (MTX) · GK-Einsparung · Alternative · (Off-Label)
Cave: CrCl <30 ml/min: KI
- Methotrexat (MTX): 15 mg p.o. einmal wöchentlich; 25 mg/Woche im neueren RCT; optimale Dosis unsicher; (Off-Label)
- Folsäure: Supplementation zu MTX
- DGRh Wechselwirkung 2023: Cotrimoxazol in antibiotischer Therapiedosis meiden; PJP-Prophylaxe mit 160/800 mg dreimal wöchentlich bei niedrig dosiertem MTX möglich; Interaktionen und Kontrollen
- DGRh Wechselwirkung 2023: unter Penicillinen MTX pausieren; Metamizol und Probenecid meiden; weitere Interaktionen
- Nierenfunktion – DGRh Wechselwirkung 2023: bei GFR ≤45 ml/min von MTX abraten; FI: CrCl 30–59 ml/min → 50 % der Dosis, <30 ml/min → kontraindiziert; Dosisanpassung
Rituximab · Reserve · begrenzte Daten · (Off-Label)
Cave: HBV-Reaktivierung
- Rituximab: Studienregime: einmalig 1.000 mg i.v.; hochselektive Alternative; (Off-Label)
Remission, Relaps und Ausschleichen
- Remission klinisch anhand fehlender PMR-bedingter Beschwerden und Funktionsbeeinträchtigung beurteilen; Entzündungsparameter unterstützend
- Relaps von degenerativen Beschwerden, Infektion, Steroidentzug/Nebenniereninsuffizienz und neu auftretender GCA unterscheiden
- GK bei Relaps mindestens auf die letzte wirksame Dosis erhöhen oder wiederbeginnen; erneute Reduktion nach Kontrolle
- Neue kraniale/ischämische Symptome unabhängig vom CRP und vom nächsten PMR-Termin sofort abklären
- Nationale Zielzeiten für verkürzte GK-Therapie unter adjuvanter Behandlung sind individualisierte Konsensziele, keine randomisiert bewiesene optimale Dauer.
Nichtmedikamentöse Maßnahmen
- Individuell angepasstes Bewegungs-/Übungsprogramm; Beweglichkeit, Kraft, Alltagsfunktion und Sturzprävention
- Besonders bei höherem Alter/Frailty Physiotherapie und Unterstützung beim Erhalt der Selbstständigkeit
- Osteoporoserisiko und Knochenprotektion unter GK; Blutdruck, Glukose, Gewicht und weitere Komorbiditäten behandeln.
Monitoring und Sicherheit
Krankheitsverlauf
- Schulter-/Hüftschmerz, Morgensteifigkeit, Funktion, GCA-Symptome, CRP/BSG sowie Blutdruck, Glukose und weitere GK-Nebenwirkungen
- Nach Therapieänderung oder bei Relapsverdacht früher kontrollieren
- Unter IL-6-Hemmung normale Entzündungswerte weder Remissionsbeweis noch Infektionsausschluss
- Keine routinemäßige serielle Bildgebung allein zum Remissionsnachweis; bei GCA-/Mimic-Verdacht gezielte Diagnostik
- Funktionstraining, Sturz-/Knochenprotektion und Adhärenz im Verlauf überprüfen.
Spezifisches Medikamentenmonitoring
- IL-6Ri: klinische Aktivität und Infektionszeichen trotz mechanistischer CRP-Suppression beurteilen
- Rituximab: IgG vor Beginn und vor jedem weiteren Zyklus
Weitere Kontrollen und Dosisanpassungen: Sarilumab · Tocilizumab · Methotrexat · Medikamentenübersicht
Sarilumab bei PMR
Screening und Prävention
Quellen und Links
EULAR 2025: 2025 EULAR recommendations for the management of polymyalgia rheumatica and primary large vessel vasculitis. Mukhtyar et al.; Ann Rheum Dis, publiziert 2026.
DGRh 2025: Behandlung der Polymyalgia rheumatica. DGRh/AWMF S2e-Leitlinie 060-006, 2025. Langfassung.
EULAR/ACR-PMR-Klassifikationskriterien 2012: 2012 provisional classification criteria for polymyalgia rheumatica: a European League Against Rheumatism/American College of Rheumatology collaborative initiative. Dasgupta et al.
DGRh Wechselwirkung 2023: Bewertung von Wechselwirkungen und Dosierungsempfehlungen von synthetischen DMARDs – Evidenz- und konsensbasierte Empfehlungen auf Basis einer systematischen Literatursuche. Fiehn et al.; Z Rheumatol 2023;82:151–162.
- Führend: EULAR-Empfehlungen 2025 zu PMR und primären Großgefäßvaskulitiden, publiziert 2026, insbesondere Empfehlungen 1–3, 6, 9, 10 und 12
- Nationale ergänzungen: DGRh/AWMF S2e „Behandlung der Polymyalgia rheumatica“, 2025; Langfassung, Prinzipien A–E und Empfehlungen 1–7
- EULAR/ACR-Klassifikationskriterien 2012, Tabelle 6 und Originalvalidierung; ACR-Leitlinien-/Kriterienübersicht
- Bolhuis et al.: randomisierter PMR-RCT mit MTX 25 mg/Woche, online 2025, publiziert 2026; Dosis als Studiendosis eingeordnet
- Sarilumab – EMA-Produktseite und aktuelle Produktinformation; deutsche FI 01/2025, Abschnitte 4.1–4.4, PMR-spezifische Absetzregeln
- Tocilizumab – EMA-Produktseite und aktuelle Produktinformation, routebezogene Sicherheitsregeln; keine PMR-Zulassung
- Zur einordnung der transaminasengrenze: US-Herstellerinformation zur PMR-Dosierung von Sarilumab, ausdrücklich ≥3×ULN; kein Ersatz der EU-Fachinformation
- Weitere Fachinformationen: Prednisolon, FI 4.3–4.5, Methotrexat-Fertigpen, FI 4.2–4.4, Rituximab, FI 4.3/4.4.
Leitlinien und weiterführende Quellen
Diese redaktionelle Zusammenfassung unterstützt die fachliche Orientierung. Sie ersetzt weder die Originalleitlinie noch die ärztliche Entscheidung im Einzelfall.